Eigentlich hatte ich keine Lust. Im Frühjahr hatte auf dem Rad irgendwie so gar nichts funktioniert. Zu selten unterwegs, zu oft krank, und dann nicht aus dem Knick gekommen. Husten, Defekt am Rad, nichts packt mich, nicht mal allein auf der Straße und zur Nacht in die Berge zu fahren. Ist nur dunkel und kalt.

Für das Monaco di Baviera Classic hatte ich mich im Januar mit großer Spannung und Vorfreude angemeldet, in der Theorie. Irgendwann im Mai kann ich nicht länger darüber hinweg sehen, ich habe zu wenig Kilometer und definitiv viel zu wenig Höhenmeter. Und naja, dann ist da noch der Kopf.

Auf den Termin zu liegt auch immer noch Schnee im Gebirge, oder fällt gerade neu. Als ich am Ende beschließe, die Fahrt in die Dolomiten sausen zu lassen, fühlt es sich fast richtig an. Stattdessen erstmal zur Verwandtschaft ins Allgäu, einen Krankenbesuch machen, auch wichtig. Einen vagen Plan B habe ich, ein paar Länderschilder im Südosten. Trotzdem, etwas Schales bleibt zurück.

Der Zug schippert das Jaegher und mich unter unendlich grauem Himmel übers Land, Wasser fliegt auf die Straße. Bei Ankunft sind die Berge düster verhangen.

Erstmal alle sehen und sich einfinden, ich habe etwas Zeit. Aber nach einem Tag bei meiner Mutter auf dem Sofa ist klar, entweder ich prügele mich jetzt auf die Straße, oder ich versumpfe komplett. Bin schon wie diese Leute, über die ich sonst die Nase rümpfe, Möchtegern-Langstreckler, die groß erzählen und nichts machen.

Ohne groß Bock nehme ich Sonntag den Zug nach Bad Endorf, hatte irgendwann überlegt, ein Stück hinter München loszufahren. Erstes Ziel: Graz, 340 Kilometer.

In Bad Endorf – Kurort – bewegt sich eine Gruppe Rentner*innen unendlich langsam den Weg von den Gleisen auf den Ausgang zu. So ungefähr fühle ich mich gerade. Finde den Ort und das Drumherum altbacken und öde. Ich weiß, ich bin gerade nicht fair. Bin selbst reichlich öde.

Um 12:30 auf der Straße, Himmel farblos, im dünnen Sommertrikot fröstelt mich. Mach zumindest mal 50 Kilometer, oder so. Mit dem Bayern-Ticket oder was du da erworben hast, kannst du später einfach in den gleichen Zug zurück und noch am Abend wieder auf dem Sofa sein.

Also fahren. Zuviel Autos sind auch, die Route kurz vor knapp hingeworfen auf Komoot. Meine übliche Liste mit Tankstellen fehlt. Irgendwie, merke ich zum ersten Mal, strukturiert mir die auch eine längere Strecke. Jetzt habe ich einen Haufen unförmige Kilometer vor mir, und dann: man wird sehen.

Bei Traunstein biege ich auf eine kleinere Straße, da wird es ein bißchen schöner, welliges Land mit kleinen Ausblicken. Am Übergang über die Traun unterhalb der alten Eisenbahnbrücke denke ich zum ersten Mal, dass es vielleicht doch wird.

Ein paar Kilometer weiter kann ich endlich das lange Unterhemd ausziehen. Ist immerhin Ende Juni.

Salzburg, müsste man reinfahren, das Wolferl, der Film damals, Klavierunterricht. Muss an meine Klavierlehrerin denken, die einem so an den Fingern zerrte, wenn man die Tasten nicht traf, tausend Jahre her. Erinnerungen steigen auf, aus irgendeinem vergessenen Winkel in meinem Kopf. Radfahr-Meditation.

Am Wolfgangssee ist es dann so richtig Postkarten-schön, anhalten und knipsen.

Bad Ischl hab ich mir gemerkt, da gibt es einen McDonalds. Und danach einen Zacken im Profil.

Ich erwarte eine dieser abseits gelegenen Filialen, wo draußen nur Autos mit Spoiler stehen und mir egal ist, wie ich nach einer Weile auf dem Rad aussehe oder rieche. Diese hier ist aber mitten in der Stadt, zwischen gepflegten Restaurants und Flaniermeile. Alles blitzsauber, Angestellte patrouillieren mit Wischmob unterm Arm. Der Inhaber tritt tatsächlich an die Tische und fragt, ob alles recht sei. Das ist mal eine Premiere.

Am Pötschenpass, vielleicht eher Hügel (ganze 982 Meter über Seehöhe), klebe ich fest. So also ist das gerade mit den Höhenmetern. Wenigstens flaut der Verkehr ab.

Ich krieche da hoch. Kaue darauf herum, ob ich keine Lust habe, weil nie mehr etwas klappt, oder ob es nicht klappt, weil ich keine Lust habe.

Salzkammergut und Steiermark heißt das hier, klingt großartig nach Urlaubs-Österreich.

Irgendwo bei Kilometer 155 soll es eine „Radl-Rast“ mit Brunnen geben, habe ich auf Komoot gesehen. Überhaupt, die Brunnen in diesem Land, das ist schon toll. Niemals Sorge, wo das nächste Wasser herzubekommen ist.

Schon im Hellen schaue ich nach guten Übernachtungsplätzen, dabei habe ich nur den Schlafsack dabei, und keine Wechselklamotten fürs Hotel. Was für ein Touren-Modus soll das eigentlich sein? Gar keiner.

Ein Bushäuschen in Bad Mitterndorf wäre perfekt, mit Blumenkästen, im Liegen wäre ich nicht zu sehen. Aber vom Haus nebendran sind noch Stimmen zu hören.

Ich kurve zwischen Dörfern durch, mit Such-Blick nach einem dankbaren Dach, inzwischen ist es dunkel. Auf einem kurzen Stück Bundesstraße stelle ich fest, mein Rücklicht ist ausgefallen. Lohnt sich das doch, mit dem zweiten.

Am Ortseingang Irdning sehe ich sie sofort, meine kleine Bushalte-Herberge. Drum herum sieht es nach Gewerbegebiet aus, wo nachts niemand ist. Erst 23 Uhr, kaum 180 geschafft, an diesem ersten Tag. Sind es nicht mindestens 250, ist es gleich gar nichts, geht beim Brevet doch auch. Was ist das eigentlich für ein Anspruch?

Will gerade auspacken, als sich von draußen Stimmen nähern. Und jetzt? Knipse das Licht aus und halte still. Die laufen laut plaudernd vorbei, ohne mich zu bemerken. Man muss sich immer gar nicht so viel Sorgen machen.

Es ist warm in meinem Häuschen, weit über zehn Grad. Vom Schlafen halten mich nur die Autos ab, die nie Ruhe geben, und der eine Mensch im Haus gegenüber, der immer noch Licht an hat.

Irgendwann vor 4 reicht es. Noch im Dunkeln bin ich wieder auf der Straße, Zähneputzen hinter dem Ort auf dem Feld, und das helle Licht war der Vollmond.

Fahre bergab in einen kühlen Morgen, Dunst auf den Feldern, zartes Licht. Das, wofür sich die Nacht draußen immer lohnt. Dann wird mir doch noch eisig kalt, es schüttelt mich richtig. Habe diesen Moment absoluter Kraftlosigkeit, ganz egal wie schnell oder wie langsam oder wieviel du gefahren bist, Schlafmangel macht das.

Halte nochmal an einem Bushäuschen, sogar mit Tür. Wäre es nicht völlig verglast, würde ich den Schlafsack wieder rausziehen. Nirgendwo ein Bäcker, ein Kaffee, nur wirkungslose Katjes-Reste.

Schlängele mich links der Bahnlinie hügelauf- und abwärts. Diese Tour, die ist wie ich gerade. Nicht genug Kilometer, weiß nicht, was sie sein will, immer gerade vorbei an den richtigen Bergen, und trotzdem hat sie ihre Momente. Ich glaube, ich finde das gut.

Vor einem Friedhof sitze ich am „Kein Trinkwasser“-Brunnen, plötzlich kommt die Sonne doch wieder durch die Kleidung. Ab Morgen soll es überall regnen.

Und vielleicht dort ist mir klar, ich bin nicht bereit für weitere Länder. Ich hatte da doch mal eine Route, drei Schilder von Graz aus, oder so. Die tut es auch. Und dann zurück ins Allgäu und dort schöne Höhenmeter sammeln.

Leoben, aktive Stahlstadt, ich fahre am Werk entlang, an der Wohnanlage, an der Kirche im gleichen Baustil, ich kaufe mit den Werksleuten im Supermarkt ein. Schade, dass M. nicht hier ist, der hätte Freude.

Stickiges Stop and Go, ich finde nicht auf den Mur-Radweg, oder soll das etwa hier sein, an der Bundesstraße entlang? Warten vor einer Baustelle. Es ist heiß geworden.

Ab Bruck führt der Radweg wieder ins Grüne. Im Vorbeifahren quatschen mich Leute an, ich verstehe nichts. Ist der Dialekt hier so krass?

Glasklare Gedanken, die sofort wieder verschwinden aus dem übernächtigten Kopf.

Im Graz nochmal zur Fastfood-Kette, darf M. nicht wissen, eigentlich hängt es mir auch zum Hals raus, aber ich brauche das WLAN für die neue Route. Buche mir auch für die Nacht ein Hotel in Feldbach, Stück Richtung Osten.

Hinter der Stadt, von der ich nichts sehe, weil es viel zu heiß für Beton ist, wird es nochmal hügelig, aber jetzt bin ich gewappnet. Die Frau vom Hotel ruft an und erklärt mir, wie ich hineinkomme, weil Ruhetag. Sehr nett finde ich das, und ich kann das Rad ungesehen mitnehmen.

Immer wieder große gemalte Schilder, oder verkleidete Strohpuppen, oder sonstige Gebilde vor den Häusern, weil jemand 60, 40, 25 wird, scheinbar wird hier jeder runde Geburtstag in aller Öffentlichkeit gefeiert.

Gondele so vor mich hin, bis Kirchberg an der Raab, wo die Straße viel zu befahren ist, und kein Radweg mehr. Zwischen den Maisfeldern ein schmaler, asphaltierter, Weg, viel besser.

Feldbach: Duschen und bloß nicht einschlafen, sondern das einzige Restaurant mit österreichischer Küche aufsuchen. Die ist hier fein statt deftig, Forelle auf Zitronenrisotto und ein Topfenstrudel, der froh macht.

Um acht am Morgen bin ich wieder auf der Straße, ausgeschlafen und zwei Kaffee im Magen.

25 Kilometer bis zur Grenze, und ich bin im Niemandsland. Hoch, durch ein Wäldchen, runter, zwischen den Feldern ein Hof, wieder hoch, und immer so weiter.

Und dort hinten, zehn Kilometer vor Slowenien, da hab ich es endlich. Dieses Gefühl von unterwegs sein, Habseligkeiten ans Rad geschnallt, und wie weit man kommt, mit so ein paar Tritten aufs Pedal.

Ein Wegweiser „Kleiner Grenzübergang“, selbst hier an der einspurigen Straße durch den Wald, und da ist schon das Schild. Europa, das macht mir Gänsehaut. Vor allem zur Zeit.

Slowenien: Ich fahre an Schloss Tabor vorbei, das hatte ich auf der Karte gesehen, bin auf ein Foto für A. aus, deren Kater so hieß, und ich glaube, das würde ihr gefallen. Steinlastige, aber sehr gepflegte Friedhöfe, mit frischem Wasser für meine Flaschen.

Kaum acht Kilometer weiter die Grenze zu Ungarn, das ist ja wie in alten Landkreiszeiten.

Auf die kroatische Grenze zu wird es topfeben. Gelber Weizen bis zur Unendlichkeit. Mir ist schon nach 20 Kilometern langweilig, ich bin so froh, dass ich nicht die anderen 450 zu den Schildern Serbien und Bosnien-Herzegowina fahre. Obwohl mich das Plätze kosten wird. Kompromisse.

Vor mir der Himmel immer dunkler, noch 25 Kilometer, noch fünfzehn. Bevor ich es habe, das dritte Schild, zieht ein Gewitter vorbei. Ein Dach in Velika Polana, ein Brötchen von gestern.

Am alten Grenzhaus steht ein Mann, lässt sein Radio plärren und sieht mir zu, wie ich im Regen an diesem und jenem Schild meine Fotos mache. 500 Kilometer ab München, und man ist in Kroatien. Irgendwie cool.

Dann lassen sich die Schnaken aus dem Tümpel neben der Straße nicht mehr länger abwehren. Ab nach Nordwesten.

Bin wieder in Reichweite zur Mur. Überall schicke neue Radwege in Slowenien. Nur in den Orten sind sie vor jedem Haus entlang der Einfahrt abgesenkt, so dass ich alle paar Sekunden einmal hoch und runter wippe. Dass das auch hier alles so Auto-zentriert ist. Ich meine, wie oft fährt hier jemand am Tag durch die Zufahrt, und wie viele Radelnde kommen über diese Wege? Eigentlich doch klar, nach wem man sich richten könnte.

Die Gegend ist so flach, dass ich spontan kurz abbiege, als die Straße auf dem Garmin nach Serpentine aussieht. Ein bißchen Blick Richtung Berge. Vielleicht ein andermal.

Hinter der Grenze bei Mureck ist wieder blöder Verkehr, daneben nur ein Weg aus Platten mit zu vielen Grasbüscheln. Ich biege ab in die Felder, fahre nach Sicht auf Graz zu, nochmal ein Hügel am anderen, aber einsam und schön.

Der lange Weg in die Stadt hinein ist wie leergefegt, bestimmt weil gerade das Spiel gegen die Niederlande läuft. Hat das mit dem Fußball doch sein Gutes. Kurz vor Ladenschluss kaufe ich in einem Billa Brötchen und Nüsse für die frühe, lange Zugfahrt. Im österreichischen Rundfunk erklären sie gerade, wie das in Deutschland mit den Fahrgastrechten bei Verspätung funktioniert, der größte Finanztipp zur EM.

Komme spät an am Intercity Hotel, sehr freundlich sind sie da, das Rad darf mit ins geräumige Zimmer. Ein alkoholfreies Bier habe ich auch. Morgen zurück ins Allgäu, und dort nochmal jeden Tag auf irgendeine Alpe hochradeln. Klingt perfekt.

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Touren auf Komoot:

Etappe 1: Bad Endorf – Graz

Etappe 2: Graz – drei Landesgrenzen – Graz

Und 1x Allgäu dokumentiert: Höhenmeter-Runde von Sonthofen

Immerhin Race-Cut (so heißt das doch?!)