Im letzten Winter wurde mir klar, dass es mir nicht gegeben ist, die Festive 500 inonego, also an einem Stück, zurückzulegen. Zu kalt zum Rumstehen, zu lange dunkel. Trotzdem wollte ich etwas Besonderes daraus machen, und irgendwann Anfang Dezember fiel mir ein, ich könnte in diesem Jahr einfach mal 1.000 Kilometer fahren. Sind ja acht Tage Zeit.

Diese schöne Idee verleugnete elegant die Tatsache, dass ich seit Mitte Oktober fast gar nicht mehr auf dem Rad saß. Mit einer 400 Kilometer-Tour hatte ich einen sehr befriedigenden Schlusspunkt für das Jahr gesetzt und war irgendwie satt, zumindest an Kilometern.

Leider nicht an Gummibärchen. Man glaubt vielleicht nicht, dass Langstreckenfahrer Speckprobleme haben. Im letzten Jahr erzählte mir der Berliner Randonneurs-Ingo, wie schön es sei, sich am Tag nach einem langen Brevet ein Brot zu machen und das auf dem Sofa zu genießen. Ich weiß noch gut, wie ich damals dachte, ein Brot? Ich finde, das sagt alles. Der Appetit ist ein leicht zu trainierender Muskel.

Es war mir also klar, dass es vielleicht kein ganz lockerer Spaziergang würde. Aber M. war gebrieft, der Familienbesuch schon vor den Festtagen abgehakt, und voll frohen Mutes hatte ich mich seit Tagen mit Marzipankartoffeln und gefüllten Spekulatiuskeksen aus der Hölle vorbereitet und Strecken geplant: 130 bis 270 Kilometer. Natürlich pro Tag.

Am Morgen des 24. höre ich schon, wie der Regen auf den Balkon pladdert, und stelle den Wecker so oft nach hinten, bis sogar M. fragt, was los sei.

Grau und bitterkalt und mühsam ist es, als ich um zehn endlich loskomme, in diesen viel zu engen Radklamotten.

Und die Beine sind nichts, sind noch weniger als erwartet. Sie sind einfach gar nicht mehr da. Ich dümpele die bekannten Wege aus Berlin heraus. Bin nach 62 Kilometern erst in Prötzel und schon am Ende. Es ist lachhaft, überhaupt Hundert schaffen zu wollen.

Ich beschließe abzukürzen, irgendwie auch unschön, erst zur Bescherung aus der Wanne zu kriechen. In den Wellen rüber nach Tiefensee klebe ich fest wie die Marzipankartoffel, die in der Kuhle nach unten rollt. Zähle die Pfosten bis zum Abzweig. 1.000 Kilometer, aha. Das alles kann noch sehr heiter werden.

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So dankbar, dass meine Aufgaben am Abend sich darauf beschränken, Kartoffeln zu schälen, tolle Geschenke auszupacken und Actionfilme zu gucken.

Am nächsten Tag klappt wenigstens das frühe Aufstehen. Ich werde den ganzen Tag auf dem Rad sein, verkünde ich M.. Wieder grau und wüst, ein paar Grad wärmer, angeblich, dafür ist es nass, ich habe eiskalte Hände, und da ist nichts, wirklich nichts, was mich hier draußen hält. Missmutig statt anmutig trete ich vor mich hin. Nur ein paar hundert Vögel in wunderschöner Formation erhellen den Morgen.

Nach 40 km entdecke ich ein Loch in der Winter-Radhose. Ziehe die Rapha-Hose drüber und muss feststellen, dass die am Bund elendig kneift. Weiß überhaupt nicht mehr, was ich hier tue (geschweige denn, wie ich mir einbilden konnte, jemals wieder 200 km zu fahren) und kürze schon wieder ab.

Lande erneut in Prötzel, immer noch gleiche viele Pfosten. Schleiche die Dörfer links und rechts der B158 ab, um wenigstens ein paar Kilometer zu sammeln.

Beiße mich durch den Tag, zähle und rechne und halte bei jedem Weihnachtsbaum, Fotos vor tristem Brandenburger Himmel.

Und irgendwo im Ringen mit dem Nordwind habe ich eine Eingebung. Verbleibende Kilometer durch restliche Tage teilen, und jeder Tag, an dem ich mehr schaffe als diese Zahl, ist gut. Mehr ist nicht zu tun.

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161 km. Heim, Wanne, Marzipankartoffel. Am Abend bin ich so kaputt, dass ich beim Kochen ein Stück Papierabfall unters Sofa kicke, um mich nicht bücken zu müssen.

Am nächsten Morgen mache ich M. Kaffee und bürste den Sand vom Jaegher. Draußen ist es schon wieder nass, aber nicht mehr gar so kalt, oder ich habe mich daran gewöhnt. Auf ins Graue, aber guter Dinge.

Mühlenbecker Land, mit viel Verkehr über Basdorf, Wandlitz, wenigstens ist Abwechslung garantiert auf einer Strecke, die ich nicht so oft fahre. Die ersten 70 Kilometer schaue ich nicht mal, wie viel ich schon habe. Die Beine wie Butter. Selbst der Hosenbund spannt nicht mehr so, wahrscheinlich ausgeleiert, egal. Ich fahr Rad!

Stille und Einsamkeit und Nieselregen am Werbellinsee. Bestaune einige Taucher, die sich gerade in die Tiefe begeben. Und Radfahren soll hart sein?

Zurück wird der Regen dichter, hinter Eberswalde geht es endlos durch den Wald. Keine Autos, aber Sand und Unrat. Irgendwann bin ich komplett durchweicht, mag nicht mehr anhalten, geht aber auch so. 149 im Kasten, ha! Mühsame, ach so mühsame 431 km geschafft.

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Als ich am nächsten Morgen aufwache, schmerzt mein Hals beim Schlucken.

Abbruch, Ethan! Abbruch!

Noch nicht gleich. Der Hals wird schlimmer oder besser, egal was ich tue. Einmummeln und die heutigen 120 km abspulen. Quasi ausradeln! Die gesperrte Straße hinter Altlandsberg wollte ich mir mal im Hellen ansehen.

Auf dem Weg klart es tatsächlich etwas auf. Sonne! Ich freu mich schon. Dauert aber nur 10 Sekunden. Meine Füße sind die ganze Zeit kalt, kein gutes Zeichen. Habe mit allem Möglichen auf diesen 1.000 Kilometern gerechnet, aber nicht mit einem total verweichlichten Immunsystem.

Meine Strecke beeindruckt mich nicht, Radwege entlang befahrener Straßen, weiß man das auch. Erst um Mönchswinkel herum ist es wieder so schön, schlängelt sich das Asphaltband beschaulich durch die Dörfer. Eine Spaziergängerin winkt mir zu: „Auf dem Rennrad, klasse!“ In Deutschland noch nie erlebt.

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Vierter Tag, viermal gefahren, 557 km, immerhin.

Freitag Morgen sehe ich aus wie Rocky nach dem Kampf. Beide Augen zugeschwollen, der Körper heiß und schlapp. Lege mich wieder hin. Noch drei Tage. War es das?

„Der Mensch wird doch gierig“, kommentiert der Coach das Geschehen, schließlich habe ich mir vor ein paar Jahren nicht mal die 500 Kilometer vorstellen können. Aber als ich ihm von Marzipankartoffeln in der Trikottasche erzähle, wird es still in der Leitung. „Marzipankartoffeln“ sagt er in einem ganz seltsamen Tonfall, den ich gar nicht an ihm kenne. Ich glaube, er sagt es andächtig.

Am Abend ist die Wohnung entsandet und der Kühlschrank befüllt. Die Logistik ist nicht zu unterschätzen.

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Samstag früh wieder der Wecker. Über Eberswalde nach Oderberg und gucken, ob die Straße dort noch gesperrt ist. Und wenn ich es schaffe, rüber an den Fluss. Es soll erst später regnen.

Der Regen hält sich nicht an die Wettervorhersage. Noch vor Biesenthal verdichtet sich das Nieseln zu einem Schauer. Aber nun bin ich schon mal hier, bei 6 Grad.

Versinke in Gedanken. So viele Erinnerungen verknüpfen sich mit all diesen Straßen. Einen Moment der Windstille auf der RTF-Strecke zwischen Altglietzen und Gabow. Die braunen Felder, die winterliche Ruhe, die menschenleeren Straßen von Brandenburg, irgendwo mittendrin ich.

Gegen den Wind zurück, Perlenschnur aus Dörfern, es zieht sich. Aber schön ist es trotzdem.

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Daheim durchsuche ich die Küchenschränke nach Kohlehydraten. M. ist mit Freunden ausgegangen. „Ich sage denen dann, du bist krank.“ Weiß nicht so recht, wie er es meint. 721 Kilometer geschafft! Eigentlich reicht es wirklich.

Aber da ist noch diese eine Sache.

Der Wecker geht um 5 Uhr, einige Sekunden Verwirrung und Widerstand, dann halbwegs schnell in den Klamotten. 20 Minuten am Bahnhof Gesundbrunnen frieren und hoffen, dass es heute ausnahmsweise nicht regnet. Als der Zug in Prenzlau einfährt, wird es gerade so hell.

Es gab eine Sturmwarnung für die Uckermark, ein wüster Wind pfeift mir auf den ersten Kilometern entgegen, haut mich fast von der Straße, ich hatte auch vergessen, wie wellig es hier ist. Stemme mich mit aller Kraft dagegen, komme kaum voran. Nach einer Ewigkeit neun Kilometer geschafft. Ein Waschbär liegt mitten auf der Straße, regungslos und platt, es könnte fast eine Falle sein.

In den menschenleeren Dörfern bellt mir von jedem zweiten Grundstück ein Hund entgegen. Ein wolliges Ungetüm rennt mit mir entlang der Straße auf die Einfahrt zu, da sehe ich plötzlich, das Tor steht weit offen, schon galoppiert er hinter mir her, bellt und wütet. Zu müde für die ultimative Beschleunigung brülle ich aus voller Kehle zurück, und das hilft. Das Dorf müsste jetzt wach sein, es ist mir etwas unangenehm am frühen Sonntag Morgen.

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Ein paar Kilometer weiter ruppiges Pflaster, wie ich es selten gesehen habe. Zentnerweise Marzipankartoffeln könnte man in den Rillen versenken. Drei Kilometer bis zum nächsten Ort. Für weite Teile steige ich ab, zerre das Rad über die Steine, durch Sand und Pfützen. Bloß jetzt nicht noch den Knöchel verstauchen. Was sind das denn für Hindernisse bis zu diesem verfluchten Schild? Wenigstens regnet es nicht.

Dann endlich, glatter Asphalt, Wind im Rücken, ich sause dahin.

Und hinter Wollschow, da sehe ich es schon grün in der Ferne leuchten. Will mich nicht zu früh freuen, ein paar Mal habe ich die Grenzlinie schon erfolglos gequert, und freue mich doch ganz übermäßig, denn da ist es endlich, das Landkreisschild der Uckermark, ein paar Stunden vor Abschluss der Landkreis-Challenge. Was ein schöner, schöner Tag!

Mache meine Fotos und freue mich immer weiter. Noch 230 km.

Südwärts nach Angermünde, es kommt ganz darauf an. Führt der Weg leicht westlich, mühe ich mich ab für jeden Zentimeter. Fahre ich nach Osten, zischt das Rad auf einmal los und es könnte noch ewig so weitergehen.

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In den Zug setzen oder heimradeln? Es wird die große Entscheidung sein, denn am nächsten Tag, schreibt mir M., sind wir mittags zum Sekt verabredet, und ich wage es nicht, diese Resozialisierungsmaßnahme auszuschlagen.

Die Wolkendecke reißt auf, zum ersten Mal seit Tagen weite Flächen von blauem Himmel.

Eigentlich bin ich kaputt.

Aber da ist auch dieses großartige Gefühl, durch die Gegend zu ziehen, aus eigener Kraft, zu verschmelzen mit der Landschaft und den Kräften der Natur, und alle Welt wird klein, wenn du sie mit dem Fahrrad eroberst.

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Bei Kerkow biegt das Jaegher wie von selbst ab auf den vertrauten Weg nach Hause. Ich hänge sofort im Gegenwind fest, im Glambecker Wald wird es schon besser werden. Noch zwei Stunden hell. Drei Rehe kreuzen meinen Weg.

Am Werbellinsee wieder die Taucher, und ein Bremerhaver, der sich geduldig hinter mir hält, bis ich ihn vorbeiwinke, er bedankt sich aus dem Autofenster, ich winke noch mal zurück. So könnte es doch immer sein, gemeinsam auf der Straße?

Ab Marienwerder ist es dunkel, aber all die Lichterketten, Weihnachtssterne, geschmückten Fenster, vielleicht hat es doch etwas, im Winter durch die Nacht. Esse ein Frischkäsebrot am Wegesrand, ein paar Nüsse fallen zu Boden, haben die Eichhörnchen auch etwas davon. Vier Kilometer von Dorf zu Dorf, ich schalte das zweite Rücklicht an, ab geht‘s. Ruckele die schlechte Straße zwischen Lanke und Bernau entlang. Dankbar, dass der Hinterreifen gestern Abend im Warmen platt war, und nicht hier im finsteren Wald.

An der Kapelle in Ladeburg strahlt mir der schönste Weihnachtsbaum entgegen. Und die 900 km sind durch! Noch ein hell erleuchteter Katzensprung bis nach Hause, und den Rest mache ich morgen, quasi reine Formalität.

Stelle verwundert fest, dass es ab sofort wieder egal ist, ob noch Nüsse da sind, und dass die Wohnung nicht mehr ausdauernd nach Gelenke- und Muskelbad riechen wird.

Adieu, Festive 1.000. Ihr wart von erlesener Härte!

Alle Strecken auf Komoot

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Danke an

– M. für Deine unendliche Geduld

– Susanne und Frank für die Landkreis-Challenge. So viele interessante Landstriche habe ich dadurch kennengelernt. Ich vermisse Eure Challenge jetzt schon!

– alle, mit denen ich im letzten Jahr das Radfahren geteilt habe, auf oder neben dem Sattel, in direktem Kontakt oder übers Netz. Es war mir ein großes Fest. Und egal ob Festive 500, Festive 50 oder, wie M. zu sagen plegt, Festive faul: Ich wünsche Euch allen ein gutes und gesundes Neues Jahr mit vielen erfreulichen Kilometern unter den Reifen!

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