Montag also, und ich bin wieder da. Um zwanzig nach acht bin ich auf dem Rad. Die Anfahrt zum Gotthard: 60 Kilometer leicht bergauf, welcome back. Wenigstens nicht mehr mit diesem nervigen Wind im Gesicht. Und vor allem weitgehend autofrei. Es ist schon zu heiß, ich hätte früher los sollen, dann knallte die Sonne jetzt nicht schon im Anstieg. Aber ich komme ganz gut voran.

Halte an einem Brunnen unter schattenspendenden Bäumen. Eine Rennradlerin fährt entlang des Weges. Sie grüßt, und ich denke gerade, die kommt dir irgendwie bekannt vor, da ruft Esther auch schon, „Evi?“ Seit meiner Schulzeit nennt mich niemand mehr Evi, aber bei ihr mag ich es irgendwie. Wir umarmen uns, freuen uns, uns wiedergefunden zu haben. Esther hat Wasser aus dem Fluss geschöpft. „Es sind ja jetzt auch keine 600 Kilometer mehr“, sagt sie nachdenklich. Wir nicken uns zu, eigentlich machbar, oder? Oh Gott, was für eine Begegnung.

Ich finde den Gotthard mit dem Rad einen total überschätzten Pass, zumindest zum Hochfahren (das Pflaster ist nicht schlimm). Keine wirkliche überwältigende Aussicht auf die Serpentinen, die aus der Luft immer so toll fotografiert werden, dazu das Dröhnen von der Autostraße weit links über mir. Aber vielleicht liegt es auch daran, dass ich mich hier beim letzten Mal ins Aus gefahren habe.

Oben an der Gaststätte stehen einige Räder, aber da bin ich schon im Intro-Modus, rolle weiter zum Seeufer und beiße dort in meinen Greyezer. Die Abfahrt ist dicht mit Verkehr, aber nach dem gestrigen Tag ist das alles nichts mehr. In Andermatt noch schnell in den Supermarkt. Und zum Bahnhof für das Kontrollfoto. Wenn schon, dann richtig.

Hinab durch die spektakuläre Schlucht nach Göschenen, nach Wassen, bis Schattdorf. Immer wieder erstaunlich, wieviel man offensichtlich hochgefahren ist. Ein paar Mal halte ich an, um mir die wilden Felsen, die gewagten Einschnitte anzuschauen.

In Erstfeld kaufe ich Eis am Supermarkt, sitze ein wenig am Brunnen. Es ist schon wieder später Nachmittag, und ich habe erst einen Pass geschafft.

Es ist dann ein langgezogenes Elend, dieser Klausenpass von Westen aus. 25 Kilometer, fast 1.500 Höhenmeter. So ein Pass, bei dem man Weg zurücklegt, ohne abwechslungsreiche Serpentinen, die man von unten fürchten und kurz darauf von oben bestaunen könnte. Im unteren Teil ist es noch nicht steil. Aber ich merke, wie lange ich unterwegs bin, nicht nur heute, sondern seit vorgestern früh. Runterschalten, stoisch bleiben. Abtauchen in innere Gefilde.

Ich treffe Esther wieder, wir ermuntern uns, fahren abwechselnd aneinander vorbei. Es ist so schön, eine bekannte Person um mich zu haben, ohne im Gleichklang fahren zu müssen.

Dann ballen sich die Wolken zusammen, werden im Osten immer dichter, verschlucken das goldene Sonnenlicht. Ich fange an, mich nach Dächern umzusehen, versuche, mir jeden Felsvorsprung zu merken, an dem ich unterkommen könnte. Wenn ich da nur im Trockenen rüberkäme. Ist die Sonne erst verdeckt, wird es auch schnell frisch.

Ein paar Hütten erscheinen oberhalb vor mir (kann ich dort klopfen, wenn es jetzt los pladdert?), irgendwo dort vorn geht die Straße endlich über den Gipfel. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, was gestern war. Ich bin immer noch unterwegs, das ist alles was zählt.

Dann die Passhöhe, ein 1A-Toilettenhäuschen, anziehen, ein bißchen freuen mit Esther.

Der Blick in die Abfahrt: Ha! Serpentinen schlängeln sich vor mir den Berg hinunter, enden in einem abschüssigen Hochtal, über das ich in wenigen Minuten hinweg rauschen werde. Habe ich je so etwas Fantastisches gesehen? Ich muss unbedingt mehr Pässe fahren, wie kann ich das nur nicht andauernd im Kopf haben?

Ich brause die Abfahrt hinunter, dieses rasante Hochtal entlang, bin überglücklich.

In die nächste Dämmerung hinein, in Glarus müsste ein Imbiss sein, der bis zehn Uhr offen hat, aber schon in Schwanden sehe ich links Fotos von Essen im Fenster, Pizza Kurier. Ich habe noch 20 Schweizer Franken, ob ich dafür überhaupt etwas kriege? Aber Pommes kosten „nur“ sieben, und man kann sogar mit Karte zahlen.

Sie machten gleich zu, ich könne solange aber noch auf der Terrasse sitzen. Es sei kein Problem sage ich, und deute auf meine Stirnlampe.

Ein riesiger Frittenberg, ich glaube, ich bekomme alles aufgetischt, was noch im Sieb war. Den Dürüm, den ich aus Versehen mitbestellt habe, weil ich dachte, das sei so eine dünn zusammengerollte türkische Pizza, entsorge ich im Dunkeln in einer der Mülltonnen, die vermutlich nicht dafür gedacht war. Entschuldige bitte, liebe Schweiz.

Danach wird es zäh. Ich will noch Glarus hinter mich bringen (am Bahnhof noch Party), soweit wie möglich an den nächsten Berg heranfahren. Ich verpasse die richtigen Abzweige, sehe nichts zum Liegen. Erst kurz vor Kaltbrunn, leises Klingeln von Schafen in der Ferne, da ist eine Bank, ein Kreuz (sogar eine Bibel), an drei Seiten von Hecken umrahmt. Hier sollte ich doch sicher sein?

Die Sitzfläche ist schief und krumm, mehr Buße tun als liegen, aber nun habe ich es mir schon bequem gemacht. Irgendwann Stimmen in der Ferne, die kommen hoffentlich nicht näher. Nach zweieinhalb Stunden mache ich mich wieder auf den Weg, drei Uhr in der Nacht, ausgezeichnet. Zum Ricken hoch sind es keine 400 Höhenmeter. Im Dunkeln schraube ich mich langsam aber sauber hier hoch, die eigentliche Steigung kommt erst noch.

Die Straße zur Schwägalp schleiche ich nur, muss immer wieder anhalten. Ich weiß, es ist nicht meine beste Tageszeit. Dafür schlängelt es sich wunderschön über die Alm, ist es ein stiller rosa Morgen. Vor mir ein Fahrer, ich glaube, er gehört zum Brevet. Er biegt falsch ab, ich sehe ihn zurückkommen, wie praktisch. Ich wäre sonst auch falsch abgebogen. Riesige Ziegen stehen vor uns auf dem Weg herum. Noch eine Windung, noch eine. Es ist steil. Am Ende noch einmal einen Stich hinauf, bis oben endlich das Schild der Alpschaukäserei erscheint.

Ein anderer Fahrer ist hinter mir, ich glaube, ich habe ihn vorher in einer offenen Scheune schlafen sehen. Er hält mit mir am Gipfel, schweigend essen und kramen wir in unseren Sachen herum. Diese Ruhe.

Ich betrete die Station der Säntis Schwebebahn, der Eingang von Ziegen belagert. Was für ein Raumschiff. Aufpolierte 70er Jahre Architektur, volle Entschädigung für den fehlenden James Bond in St. Moritz. Ich habe den Eindruck, selbst das Toilettenpapier duftet, nun ja, im Kontrast zu mir vermutlich schon.

Da sind noch drei kleine Zacken vor dem Bodensee, zusammen fast 600 Meter, und dann war es das mit den echten Steigungen. Runter nach Appenzell, das steile Stück raus aus dem Dorf, wieder runter, wieder hoch. 

Als ich endlich den letzten Hügel erklommen habe, bin ich nicht geistesgegenwärtig genug, um von dem wahnsinnigen Ausblick auf den See ein Foto zu machen. Es ist schon wieder heiß, was sonst. Der Weg durch die kleinen Orte dauert eine Ewigkeit, überall ist so viel los, in Bregenz durch die belebte Innenstadt, ein Graus. Am Seeufer entlang, vormittags um 11 in der Hitze, nicht viel besser. Schönes Panorama, alles voller Menschen.

Bin heilfroh, als ich endlich die Tankstelle auf halbem Weg nach Lindau erreiche. Noch fast 24 Stunden und keine 300 Kilometer mehr. Esse ein überteuertes belegtes Baguette, kaufe überteuerte Getränke.

Dahinter ruhiges Land, wenn auch ich jede kleine Steigung misstrauisch beäuge. Viel Zeit zum Nachdenken. Hat das wirklich sein müssen, das Abkürzen? Ich denke, ja. Hätte ich es trotzdem im Zeitlimit schaffen können? Ich bin mir nicht sicher.

Hinter Wangen krieche ich den kleinen Anstieg hinauf, bleibe unter der Unterführung der Autobahn entkräftet stehen. Wann habe ich das letzte Mal etwas richtiges gegessen?

Es fängt es an zu regnen, tröpfelt erst, dann prasselt es so, dass ich mich an den Straßenrand unter einige Bäume stelle. Ich habe keine Lust mehr. Auf der Karte sah das alles nicht mehr so weit aus. Was mache ich überhaupt hier, ich habe das Brevet schon vor langer Zeit abgebrochen. Schaue nach, wie ich mit dem Zug hier wegkäme. Von Bad Waldsee aus ist es deutlich einfacher als von Biberach. Und wo ist überhaupt Esther, warum treffen wir uns nicht mehr? Ist sie so weit vor mir?

Es widerstrebt mir sehr, weiter nach Norden zu fahren. Was für ein blöder Umweg, nur damit die 1.200 Kilometer noch voll werden, die ich eh nicht zusammenbekomme. Dabei hat die Gegend meinen Unmut nicht verdient, es ist hier überall sehr schön, immer wieder etwas Sicht über das wellige Land, kaum Autos.

In Bergatreute bei der Kirche ist eine öffentliche Toilette, ich kann mir endlich mal wieder die Hände waschen. Jemand klopft und rüttelt an der Tür. Ich beeile mich, sehe draußen nur noch eine ältere Frau weghumpeln, stelle mir eine inkontinente Omi vor und fühle mich schlecht.

Bald Waldsee ist am schlimmsten. Der Edeka, den ich mir aufgeschrieben hatte, ist mit der Apotheke vermengt, ich irre im Laden herum, der nicht viel mehr als drei Regale umfasst, finde nichts geeignetes. Werde leicht weinerlich. Status-Check: ich muss dringend kurz schlafen.

Kaufe schließlich eine Tüte Wasa Chips. Ein paar Meter dahinter sehe ich den richtigen Edeka.

Sobald ich den Krach der Bundesstraße hinter mir habe, biege ich in einen Feldweg und lege mich in den Schatten. Was so ein paar Minuten immer gleich bewirken.

Nehme mir vor, wieder etwas durchgängiger zu fahren, vom Herumlungern wird es nicht besser.

Ein zugewachsenes Sträßlein führt hinterrücks zur Kontroll-Tanke nach Biberach rein und über eine Anhöhe wieder raus. Brauche ich nicht. Jeder kleine Hügel ist inzwischen anstrengend.

Irgendwo ist ein Radweg mit Flatterband abgesperrt, ich versuche es trotzdem, muss das Jaegher alle paar Meter über frisch umgestürzte Bäume heben. Als habe hier ein Tornado gewütet.

Noch zehn Kilometer, dann rufe ich zur Belohnung M. an. Oder noch 15.

Der sagt, ach, fahr es doch zu Ende.   

Wenigstens sind die Wege jetzt flach, sieht nach Trasse aus, tatsächlich kommt der Wind von hinten, es macht fast wieder Spaß.

Hinter Oberried, es dämmert schon, ein kleines Wartehäuschen in einem kleinen Ort. Perfektes Nachtquartier, wäre es ein paar Stunden später. Kurz liege ich, während nebendran die Kinder vor dem Haus spielen, will den letzten Rest Tageslicht lieber zum Fahren nutzen.

Eigentlich sind jetzt nur noch Strecken-Häppchen übrig. Keine 20 bis zur letzten Kontrolle. Dann noch 100. Aber im Dunkeln sind die Kilometer lang und zäh.

In Türkheim an der Total das gute alte Nachtprogramm: Bocki mit Senf, ein riesiger Kaffee mit viel Zucker.

Die Sitzecke ist belegt von einem Haufen Männer, die in irgendwelche Monitore starren. An einem anderen Tag würde mein Gefühl mich davon abhalten, mich dazuzusetzen. Jetzt ist es egal, ich quetsche mich auf die letzte freie Bank.

Müdigkeit drückt mir auf die Lider. Ich schreibe Nachrichten an Insa, an Klaus, an meine alten Freundinnen. Alle sind noch wach, schreiben zurück. Wie schön das ist, nicht ganz allein unterwegs zu sein. An jeder Tanke nach Rädern Ausschau gehalten, keinen einzigen Brevet-Menschen mehr gesehen.

Noch 30, besser 40, dann schlafen und mit viel Zeitpuffer den Rest. Hangle mich von Dorf zu Dorf, muss mich konzentrieren, um nicht ständig falsch abzubiegen.

Links und rechts vor mir blitzt es in der Ferne. Ich bin nicht sicher, ob diese Nacht trocken bleibt. Sehe haufenweise Holzkreuze samt Bank unter freiem Himmel. Beten die hier einfach im Regen?

Mitten in Eresing dann die große Kirche, leicht erhöht, Eingang zum Kirchgarten offen. Ich steige ab, ein Blick hinter die Mauer, dort ist eine Bank, zwar kein Dach, aber sie sieht breit und gemütlich aus. Im Haus gegenüber noch Licht, aber nichts regt sich. Ich brauche nicht mal die Jacke zum Zudecken.

Ein paar Minuten später haut mich das Läuten der Glocke fast von der Sitzfläche. Aber jetzt liege ich schon. Nach einer Weile ziehe ich den Schlafsack aus der Rolle. Irgendwann höre ich nicht mal mehr die Glocke.

Es ist noch dunkel, als ich wieder aufbreche. Zähneputzen auf freiem Feld. Die letzten 60.

Als es dämmert dann wieder großes Oh! und Ah!, das goldene Licht und die Landstraße. Hochgefühl, dass ich trotz allem immer noch unterwegs bin. Kann mich nicht entscheiden, ob ich voran machen soll und mir irgendwie beweisen, dass ich es auch ohne Abkürzung im Zeitlimit geschafft hätte. Oder trödeln, weil mein Hotel sowieso erst ab elf Uhr einen Früh-Check-In anbietet.

Am Ammersee (schon wieder diese irre Farbe des Wassers – kann einem das mal jemand sagen, wie schön es hier ist?) räume ich auf und mache Morgentoilette, erzeuge mit den restlichen Feuchttüchern eine Illusion von Frische, die sofort zunichte ist, wenn ich die Nase an mein Trikot halte.

Irgendwann kommt tatsächlich nochmal so etwas wie eine Serpentine. Will eigentlich nur, dass es aufhört, und trotzdem unterwegs sein.

Und dann erkenne ich den Weg wieder, auf dem wir vor einiger Zeit die Stadt verlassen haben, im Wald sind die Pendler unterwegs. Ortsschild: München.

Um halb neun bin ich an der Aral. Ein letztes Foto, Abmeldung hin oder her. Vielleicht zum allerersten Mal wünsche ich mir eine richtige Zieleinfahrt, eine Begrüßung. Auch wenn ich ja gar nicht durchfahren dürfte.

Es nagt ein bißchen. Und gleichzeitig bin ich froh, hier nun doch auf dem Rad anzukommen. Aus dieser angebrochenen, abgebrochenen Tour noch etwas herausgeholt. Etwas Schönes: Brevet-Feeling.

Und natürlich muss ich dringend ein paar Pässe fahren.

To be continued.

***

Danke an ARA München für die wunderschöne Touren-Idee – wenn auch es etwas anders kam als erhofft, sie hat mich ein halbes Jahr träumen lassen und zu unzähligen Stunden Core-Training motiviert.

Gefahren: 1.080 Kilometer (statt 1.224), 13.100 Höhenmeter (statt 15.200), 94,5 Stunden.

Strecken auf Komoot: