Die Mille du Sud wollte ich fahren, seit ich nach der Superrandonnée Belchen satt den Fuß am Boden hatte (okay, seit Klaus mir das Event an den Blogpost kommentiert hatte). Ein Superbrevet mit Start in Cotignac, Provence. 1.000 Kilometer, 20.000 Höhenmeter, 100 Stunden Zeit, wenn du in der Kategorie „Randonneur“ landen willst.

Hundert Stunden bedeutet, jede Stunde 200 Höhenmeter zu klettern, was vielleicht erstmal einfach klingt, aber das ändert sich wahrscheinlich nach zehn Stunden, und ganz sicher nach 48. Und innerhalb der Zeit fährst du auch noch bergab, musst schlafen, essen (sehr viel essen) und was sonst noch anfällt, bei all der Radfahrerei.

Ich konnte noch so viel darauf herumkauen, ich kriegte die Höhenmeter nicht in den Kopf. Vor dem Hochgebirge hatte ich außerdem echten Respekt. Einen einzigen Pass bei Sonnenschein fahren war ja das eine. Hier reihten sich die Zweitausender wie auf einer Perlenschnur. Wie sollte das in den langen Nächten werden? Oder bei einem Wetterumschwung?

Geliehen von der 1000duSud-Website

Anfang Mai prüfte ich alle Pläne darauf hin, wie viele Höhenmeter sich zusammenkratzen ließen. Eine Woche Radfahren im Allgäu samt Familien-Wiedersehen. M. wollte ins Riesengebirge. Und natürlich good old Teufelsberg. Hin und wieder tauschte ich mit Sascha den Status aus, der am Müggelberg übte („ich dachte, ich mach den Scheiss nie wieder“). Eigentlich lief es ganz okay. Aber jedes Mal, wenn auf einer Tour mehr als 2.000 zusammenkamen, dachte ich, niemals. Ich hatte einfach nie diesen BÄM!-Moment.

Mit meinen Zweifeln fühlte ich mich radfahrerisch einsam wie nie. War dankbar, als Rainer kurz vor Aufbruch gen Süden zum „Rider-Briefing“ lud. Auf dem Weg nach Hause testete ich endlich die neue Regenjacke, justierte die vom neuen Nabendynamo gespeiste Lampe, und war für ein paar Stunden erleichtert.

Über die Anreise mit M. nach Cotignac ließe sich ein eigener Blogpost schreiben, wenn es für Außenstehende nicht komplett langweilig wäre. Kaugummi-Zeit, Sturm im Kopf. Ab und zu beruhigt mich der Gedanke, dass ich auch vor meinem ersten flachen 600er (eine andere Welt!) unerträglich aufgeregt war, vor meiner ersten Nacht auf der Straße, und überhaupt.

Am Montagnachmittag treffen wir ein. In der liebevoll ausgestatteten Waldküche des Mille du Sud Base Camps, wo wir unser Zelt aufschlagen dürfen, sitzen alle zusammen, essen und führen die üblichen tiefstaplerischen Gespräche. Als ich höre, wie gewichtig für den ein oder anderen unser Vorhaben ist, ist mir peinlich, wie sehr ich die letzten zehn Wochen um mich selbst gekreiselt bin. Fast bin ich froh, als die erste Gruppe sich ein paar Stunden später auf den Weg macht und das nervöse Summen in der Luft verstummt. Die Nacht ist trotzdem nicht gut, und dann verpasse ich erstmal den Start.

Um zehn vor sieben kommt M. angelaufen: Unten sammelten sie sich schon. Ich stelle gerade fest, dass der Garmin nicht lädt, da läutet auch schon die Glocke. Ich dachte, um 8, ich hab noch nicht mal gefrühstückt, Hilfe!

Anke kommt mit Kaffee um die Ecke, mein Engel des Morgens. Um 7:28 Uhr knipse ich das Rad vor dem Plakat, und dann sitze ich endlich auf und mache mich ganz allein auf den Weg.

Und die ersten Kilometer sind schön. Die Luft noch angenehm mild, die ersten Anhöhen lieblich und leicht wegzutreten, die kleinen, sommerlich hellen Orte mit den Platanen und Cafés so malerisch. Erstes Hochgefühl; ich bin unterwegs! Wow. Ich bin wirklich auf der Mille du Sud unterwegs.

Die Strecke in diesem Jahr: Hoch hinauf in den Norden bis auf den Col de l’Iseran, den ich 2017 wegen Wettereinbruch verpasst hatte. Auf dem Weg sieben weitere Zweitausender, die ich allesamt nicht kannte.

Ich hole einen Randonneur ein, einen weiteren, den dritten. Hab mir hundert Mal eingeschärft: Langsam fahren. Vernünftige Pausen. Genug essen. Hab mir überlegt, ich tue so, als seien ein paar Menschen mit mir unterwegs, die am Berg noch ein bißchen langsamer vorankommen. Mein Job ist, dafür zu sorgen, dass wir alle zusammenbleiben. Perfekt.

Also: Langsam. In den Rhythmus kommen. Ist wirklich kein Sprint hier.

Bis Castellane (90 km) ist alles wunderbar, ich komme gut voran, immer zwischen Hochgefühl und Unglauben. Für eine Pizza ist es einfach noch zu früh, Schinken-Baguette und Orangina müssen reichen.

Eigentlich freue ich mich auf den ersten Pass, zu dem es ab da sehr langsam ansteigt. Ewig an einem Stausee entlang, eigentlich immer noch schön. Aber irgendetwas passt nicht, die flache Steigung, in Gedanken bin ich 200 Kilometer weiter und am Rumrechnen. Hatte ausgetüftelt, ich müsse den Gipfel des Col de l‘Iseran bis morgen Abend erreichen, damit ich dort nicht mitten in der tiefsten Nacht bin, wenn es am kältesten ist. 500 km und 11.000 hm in 36 Stunden, vielleicht 38, 40.

Närrin.

In Allos (146 km) ist ein Carrefour Contact auf der Liste. 850 ml Trinkjoghurt, kennt der Magen auch nicht mehr, ein Mitarbeiter kramt mir ein alkoholfreies Tourtel unten aus dem Kühlschrank. Einweihung des Rainer-Beutels, der meinen Rücken die restliche Fahrt nicht mehr verlassen wird.

Dann, hinter dem Ort, der Blick sucht immer den Talschluss, wo mag es hochgehen?, rechts die steile Wand. Sonst Entzücken, jetzt nur Schrecken. Da hoch? Und das ist laut Prozentangabe noch der freundlichste Anstieg.

Es geht langsam, mühsam. Wie konnte ich nur glauben, ich sei hierfür bereit. Unter mir erscheinen zwei Randonneure, natürlich holen die mich easy ein, bessere Übersetzung, ach was, bessere Beine.

Ein paar hundert Meter weiter schaue ich genauer hin, das sind ja nur Rennradler ohne jedes Gepäck. Letzte Kurve, rufen sie mir freundlich zu, als sie mich überholen, courage! Die Niete (ich) muss trotzdem nochmal halten. Oben bin ich ein bißchen froh und sehr eingeschüchtert. Wird schon, schreibt M.

Aber die Abfahrt ist unglaublich. Fantastische Aussicht, die Straße wild in den Berg gehauen, angenehm abfallend, ich kann es laufen lassen. Schon viel besser!

In Barcelonnette kurz in den Supermarkt, Baguette, Kräuterfrischkäse für die Nacht und ab. Dass ich mir ganz fest vorgenommen hatte, hier nach 180 Kilometern etwas Warmes zu essen, schlage ich in den Wind. Schnell noch über das nicht asphaltierte Stück (4 km, 400 hm) auf dem Weg zum Col du Larche, ehe es dunkel wird!

Der Belag ist grober als erwartet. Dicke Steine auf dem unebenen Waldweg. Ich weiß nicht mal, ob ich hier mit dem Soma hochfahren würde.

Ich schiebe, aber das macht nichts. Hab mein Rad schon nachts den kompletten Grand Ballon hochgeschoben. Meter für Meter, einfach immer weiter, irgendwann ist es vorbei. Knipse hochzufrieden mein zweites Kontroll-Foto, kurz bevor es endgültig Nacht ist.

Oberhalb des heimelig beleuchteten Ort Meyronne biege ich auf die Passstraße ein. Es ist stockfinster, nur der Wind rauscht laut in den Bäumen. Kurble hoch in dieses schwarze Loch, links der Hang, keine Ahnung was rechts von mir ist. Nur 500 Meter klettern, mir kommt es vor als kraxle ich direkt ins finstere All. Die hellen Striche auf der Fahrbahn das einzige Zeichen von Zivilisation.

Irgendwann, links über mir, ein kleines rotes Licht. Es bewegt sich langsam, geräuschlos. Kann das ein Randonneur sein? Fand es im Leben noch nie so tröstlich, unterwegs auf einen Menschen zu treffen. Ich grüße in die Nacht, am Gipfel steht noch einer, plötzlich ist es nicht mehr gruselig, und da sind Schilder – Italien! – und ich ziehe meine Windjacke an und steige auf für die endlose Abfahrt im Dunkeln hinunter ins Piemont, und vorbei huschen Straßenschilder und Markierungen und Lichter und Dörfer Mauern Schatten Schemen und taghell leuchtende Laternen auf Straßen schnurgerade durch die Orte, dann wieder tiefe Finsternis, und ich lasse es rollen, rollen, rollen

vorbei dort, wo ich noch essen wollte (keine Muße), vorbei an lamentierenden Menschen in der Nacht, vorbei an bellenden Hunden. Es ist erst elf, eigentlich würde ich es gern bis zur dritten Kontrolle schaffen, aber ich bin müde, sehe mich nach einer Stelle zum Schlafen um, vor der belebten Gegend um Cuneo.

Nichts gibt es. Keine Bushäuschen im Piemont. Kein gemütlicher Winkel. An einem Brunnen etwas abseits der Straße tritt sofort ein Hund aus dem Schatten und beginnt mich anzubellen, schon gut, ich bin weg.

Eine winzige Straße entlang, rechts immer wieder leicht erhöht baumbestandene Wiesen. Schließlich halte ich, Lichter aus, in die Dunkelheit lauschen. Das nächste Haus ist weit entfernt. Krame meinen Schlafsack raus, die Zahnbürste, stecke die Stirnlampe an die Powerbank. Hie und da ein leises Rascheln, ein Gurgeln, ab und zu plumpst etwas auf den Boden. Ganz weg bin ich nie, aber es ist die friedlichste Nachtruhe, die ich mir in der freien Natur wünschen kann.

Drei Stunden später wieder auf dem Rad, auf durchs restliche Italien. Zwanzig Kilometer weiter im verlassenen Caraglio ein offene Tür zu einem hellerleuchteten Laden: Automatenshop. Vorgestern noch rumgeschwärmt, wie wir in Italien den besten Cappuccino der Welt genießen würde. Man nimmt was man kriegt.

Der nächste Dämpfer kommt bei Kilometer 300. Eine Straßensperrung, in die ich erst wohlgemut reinfahre, weil man das nachts so macht, und die sich als zwei Meter tiefer Aufriss herausstellt. Hier irgendwie runterkraxeln und drüben wieder hoch, mit dem schweren Rad?

Der Umweg ist weit und nervig, ich fühle mich betrogen. Wieder zwölf Kilometer mehr.

Fahre mutlos den kleinen Colletta d‘Isasca hoch. Du willst es, das reicht, hatte Rainer gesagt.

Bis ich die Kapelle Madonne Delle Grazie erreiche ist es fast hell. Der nächste Pass erst in 80. Das habe ich mir ja schön zurechtgedacht. Kaue auf den Zeiten herum wie auf einem Stück zähem Fleisch.

Auf der nächsten größeren Straße ist der Verkehr plötzlich wild und rücksichtlos. Ich will weg. Was mache ich hier? Könnte mit M. im Zelt liegen und Rotwein trinken.

Rede mit dem Rainer-Beutel auf meinem Rücken. Na, was hast du mir jetzt zu sagen?

Ein wenig abseits der Straße hocke ich mich hin. Checke die Karte. Blöde Ecke, um mich von M. einsammeln zu lassen. Wenn ich es über den Iseran schaffe, könnte ich ihm über Bourg St. Maurice ein bißchen entgegenkommen. Und danach gemeinsam Ferien.

Wieder weiter. Halte am Supermarkt, finde nur O-saft. Halte bei einem Bäcker, finde nur Focaccia. Alles dauert ewig. Und die vielen Autos. Ich dachte, bei der Mille ginge es um die schöne Strecke!

Nähere mich dem Col delle Finestre, endlich Höhenmeter erwerben und weg von befahrenen Straßen.

Würge mich diese verfluchten, steilen Serpentinen hoch. Absteigen und schieben, wieder ein bißchen fahren. Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Da ist einfach keinerlei Kraft in den Beinen.

Mitten drin im Wald ein Hotel wie aus Shining, ein riesiger Kasten, die einzige Ablenkung. Immer öfter schalte ich den Flugmodus aus und checke meine Nachrichten. Vielleicht haben Sascha oder Falk schon aufgegeben, dann wäre es nicht so peinlich. Aber wahrscheinlich ist M. schlau genug, mir das gar nicht erst zu schreiben.

Als es endlich etwas flacher wird, kommt mir eine Wanderfamilie entgegen, schaut mich seltsam an, als ich in ihre Richtung einbiege. Soll es hier nicht auch über Schotter gehen? Ein paar Meter weiter merke ich, dass ich falsch bin. Wieder zurück, auch egal. Schreibe M. endgültig, dass alles blöd ist.

Der ist etwas alarmiert, weist mich an, Pause zu machen, in Ruhe etwas zu essen. Ob ich oben einkehren könne?

Das bringt mich zur Vernunft. Beim Schild Pra Catinat, dem Brunnen vor dem Anstieg zum Gipfel, halte ich an und bleibe, bis ich etwas runterbekomme. Anderthalb Tage rum und ich ernähre mich aus Supermärkten. So kann das nichts werden.

Die Optionen: Pausieren und erst morgen auf den Iseran. Aber dann bin ich raus aus dem Zeitlimit, und morgen soll es regnen.

Mache mich wieder auf den Weg. Oben stehen ein paar Jeeps, hinter mir trifft ein Jüngling mit Gravel-Ausstattung ein. „Le Mille?“, fragt er mich, als gehörte ich dazu, als könnte ich irgendwas. Er ist ganz ansehnlich, das gibt mir etwas Auftrieb.

Und irgendwo dort fällt mir ein, wie B. es mal genannt hatte: kreuz und quer durch die Uhrzeiten radeln. Vielleicht will ich nicht in der Nacht oben auf 2.700 hm rumkurven. Aber vielleicht kann ich wenigstens nachts dort hochradeln?

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