500 Kilometer also mal wieder. Zuletzt wenig glücklich: letzte Weihnachten Corona, vorletztes Jahr desillusioniert nach 315 km am Stück.

Viel war vorher nicht, aus bekannten Gründen. Im Großen und Ganzen war ich auch uninspiriert, das klingt gleich viel besser als unmotiviert. Das Ergebnis ist aber dasselbe.

Also langsam reinfinden. 80, sage ich zu M. 80, sagt der, dafür gibt es keine Nudeln. Hat ja recht.

Allein das Aufbrechen. Die eine Winterhose hat aufgerissene Nähte, aber wo ist die andere. Zwei paar Überschuhe (wieder nicht diese Winterschuhe im Sale erworben), die gefütterten muss man von oben über den Schuh ziehen. Also erster Überschuhe auf die Wade, Radschuh an, zweiter Überschuhe von unten über den Schuh, ersten von oben drüber. Die schafswollenen Einlagen liegen wenigstens noch dort, wo ich sie hingeballert hatte, im Juni, als mir auffiel, meine Füße werden so warm. Einen Satz Oberteile in den Rucksack stopfen, die Schlauchwechselsachen, was brauchte man noch? Den Brustgurt hab ich vergessen, fällt im Kalten eh meist aus. Ich bin eine Dreiviertelstunde hintendran.

Der Himmel ist grau, die Straßen nass, Radputzen gleich nochmal von vorn. An den Ampeln vergesse ich, die Aufzeichnung wieder zu starten. Schon zwei Kilometer fehlen! Das schmerzt, wenn du erst fünf hast. Sollte den Garmin durchlaufen lassen. Aber dann ist der Schnitt so beschissen? Ist er doch eh.

3 Grad.

Am Kopf ist mir kalt.

Es ist so mühsam, wie gegen eine Wand antreten. Dabei kommt der Wind nicht mal von vorn, wenn ich nach den Windrädern gehe. Ist aber manchmal am Boden genau andersrum. Noch 490 Kilometer. Warum?

Nach 30 Kilometern höre ich allmählich auf, mir leid zu tun. Eigentlich ist die Stimmung draußen auf dem Land schön. Düstere Felder, schwarze Bäume in Reihe am Horizont. In Tempelfelde biege ich spontan ab nach Gratze, kleine Schleife, fünf Kilometer plus. Kommt bestimmt gut zu Ende der Woche.

Nach 40 Kilometern mache ich das Foto (ein Foto pro Tour, egal wie kalt). Nach 60 muss ich was essen. Der Fettstoffwechsel sowas von im Arsch.

Ein Comeback, das wär’s. Lindsay Vonn versucht es mit Carbonknie, in den Medien regen sie sich auf. Einerseits ja, lasst mal die Jungen ran, ist wichtig. Andererseits, wir Alten brauchen doch auch hin und wieder ein Role Model.  

Es ist nichts los am 24. Festive einsam. Einem Mann in einem Dorf sage ich hallo. Macht man doch so, auf dem Land? Der kuckt aber nur komisch.

Vier Stunden für 87 oder 84 Kilometer, je nachdem. Ein Witz. Oder ein Anfang.

Daheim schaufle ich noch im Stehen eine Schüssel Müsli mit Beeren, die aus Versehen aufgetaut sind. Danach liege ich in der Wanne wie tot. Am Abend wollen wir groß kochen. Keine Ahnung, wie das gehen soll.

Mittwoch

Der Hunger kickt rein, als wäre ich 200 km gefahren, nicht 87 oder 84. Nach dem Frühstück, noch bevor ich losfahre, knurrt schon wieder der Magen.

Tatsächlich scheint die Sonne, es ist, als habe endlich jemand das Licht angeknipst.

Ich nehme die Motorradhose, was natürlich eine Radhose ist, aber mehrlagig und schwer, mit winddichten Einsätzen, Trägern, Latz vor der Brust. Wie Laura damals beim pee-friendly Bibtest schrieb: das ist so viel Hose. Legt sich aber gut an den Körper, glättet um die Mitte herum, nix Wulst am Bauch, fühle mich sehr Catwomen-artig. Habe außerdem alle Riegel rausgesucht, die in Kürze ablaufen oder es schon sind. Da staunst du, Fettstoffwechsel!

Heute zur Statue in Hirschfelde, war ich lang nicht mehr.

Draußen trotz Sonne bitterkalt. Die Hose liefert, unter dem dicken, gefütterten Wintertrikot ist es fast zu warm. Nur am Hintern friere ich.

„Hasch auch so‘n kalte Arsch“, fällt mir ein, das hat damals, vor langen Jahren, so ein Typ gesagt, mit dem ich Rad gefahren bin (und den ich sehr angehimmelt habe). Arsch, das Wort hat man damals nicht einfach so verwendet. Bei mir zuhause jedenfalls nicht. Das war schon fast Rebellion.

Ich halte sogar zweimal für ein Foto, weil das mit dem Licht so schön ist. Vor dem Hirsch lege ich mein Rad auf die Wiese. Sieht aber irgendwie falsch aus, wie immer. Riegel brauche ich nicht. Trinke kaum die Apfelschorle, ist einfach zu kalt.

Trotzdem schön, draußen zu sein. Bekannte Strecken wirken auch immer kürzer, das ist das Gute daran, gerade nicht so viel zu schaffen. Wesendahl, Wegendorf. Ich male mir anhaltend aus, wie ich daheim das Buttergebäck klein brösele und in den leckeren Topfen rühre, den ich kürzlich entdeckt habe.

Gleich schon an der Tanke, wo ich im Hochsommer die Eiswürfel auf mein Gesicht gedrückt habe, nachdem eine Biene unter meiner Brille flog und mich unterhalb vom Auge gestochen hat. Solche Erinnerungen hab ich an das Jahr.

Daheim auftauen und mit dem Mann Kaffee trinken gehen. 175 km.

Donnerstag

Wieder Missmut. Draußen nass, ich kein Bock, trotzdem los, langsam kapier ich es wieder. Show up anyway. Motiviert kann ja jeder. Und heute nur die kleine Runde: 60.

Meine Sachen sind noch nicht trocken, also kurze Hose und die wollenen Beinlinge. 6 Grad, müsste gehen.

Sind dann aber nur 4. Nach 20 Kilometern wird mir langsam warm. Der Radweg nach Altlandsberg im Nebel, das ist mein Foto. Nicht Börnicke, Symbol für die Langeweile auf den ewig gleichen Runden. Dort drehe ich stattdessen die Ehrenrunde um den Ort, für die kleine Erhöhung der Kilometerzahl. Dreimal wird der Himmel kurz heller. Ist dann aber Fehlalarm. Aber so düster es ist, draußen ist es immer weniger düster, als es von drinnen aussieht.

Früh zuhause, noch Zeit für normale Sachen. 240 km.

Freitag

Vor heute hab ich so etwas wie Zweifel. Eine ein bisschen längere Tour sollte doch noch dabei sein. Werbellinsee im Winter, war mir eingefallen, still und andächtig. Am Abend schaue ich noch, wie ich notfalls abkürzen könnte.

Es soll über 5 Grad geben, aber irgendwas um 6 Stunden draußen: ich greife zum Catwoman-Aufzug. Im letzten Moment denke ich an die Creme für den Hintern, robbe mit der pee-friendly Hose in den Knien unwürdig durchs Badezimmer.

Draußen vorm Haus liegen goldene Sternchen auf dem Boden verstreut.

Ein Weg aus der Stadt hinaus, den ich nicht so oft nehme, das lenkt ab. Es ist wieder nass und grau. Nicht denken, oder nur an die nächsten 30. Oder sagen wir 45.

Kalte Füße, von Anfang an.

Bis Wandlitz zieht ein Auto am anderen an mir vorbei, wo wollen die alle schon wieder hin, Geschenke umtauschen? Nehme den Radweg, sogar dort, wo dieses geometrische Verbundpflaster ist und eigentlich ganz klar Fußweg. Vergesse die Zahlen.

Die Straßen sind klatschnass. Kalt ist blöd, aber nass ist noch blöder. Aber immer noch sehr viel besser als Schnee, dann wäre das hier vorbei.

Ab dem Abzweig nach Eichhorst habe ich die Straße für mich.

Am See sind wieder die Taucher, mitten in der Kälte. Radfahren bei 3 Grad magst du tough finden, aber was sagst du zu Tauchen bei 2 Grad. Irgendwo baut irgendein Hilfsverein ein kleines Zelt auf, ein Grill steht daneben. Was die da wohl brutzeln? Und ob ich was Warmes abbekäme?

Bei Kilometer 60 mache ich mein Tagesfoto am Ufer, esse einen alten Riegel. Zarte Gräser stehen im Wasser. All diese Schattierung von Grau und Braun, der Winter breitet sich in seiner ganzen Verschlossenheit vor mir aus. Kann verstehen, dass man hier tauchen möchte.

Fahre weiter und versinke. Die Weihnachtslieder, die früher bei uns gesungen wurden, ich versuche mich an die Texte zu erinnern. Vom Himmel hoch, das mochte ich am liebsten. Wie ging das noch? Vom Himmel hoch, da komm ich her, ich muss Euch sagen, es weihnachtet sehr? Quatsch, das ist doch was anderes. Hirn völlig unterzuckert.

Hab ’n nasse Arsch.

Hinter Altenhof sehe ich kaum noch 100 Meter weit. So dicht ist der Nebel, und die Feuchtigkeit kriecht durch meine Kleidung. Doch nur 2,4 Grad.

Der Fahrradweg auf Biesenthal zu ist unendlich schmutzig. Ich wusste das schon, aber so schmutzig wusste ich nicht. Müsste nochmal was essen, aber das ist alles im Rucksack, und zum Halten ist es viel zu kalt.

Zum Nachmittag hin wird es nochmal kälter. Ich gleite auf einer grünen Welle durch Bernau, vorbei am Eis-Café, wo im Mai der Steppenwolf startet, jetzt zu und verlassen.

Hinter der Autobahnbrücke halte ich doch an, schnell ein paar Spekulatius. Friere sofort noch mehr, aber das ist gut, ist der Zucker auf dem Weg in die Muskeln.

Noch kurz zum Hochdruckreiniger an der Aral, fällt mir ein, und ich spar mir morgen eine Stunde putzen.

Daheim im Flur liegt ein goldenes Sternchen auf dem Boden.

375 km.

Samstag

Beim Aufwachen sind die Beine, als wäre ich 375 an einem Tag gefahren statt an vier, und in meinem Magen gräbt ein Bagger eine riesige Grube. Auf dem Plan steht eigentlich nur Ausradeln. Die Sonne scheint auch.

Aber als ich mich bei Rossmann (Muskelentspannungsbad ist alle) aus der Hocke erhebe, wird mir kurz schwarz vor Augen. Also Ruhetag. Ist in Ordnung.

Sonntag

Heute die kurze Runde, die gestern nicht ging, weil, aufholen durch doppelte Kilometerzahl soll man nicht. Und ich hab ja noch drei Tage.

Wieder Sonne, aber knackig kalt. Das Überschuh-Konstrukt ist inzwischen Routine.

Nach 300 Metern auf der Straße stelle ich fest, beim Schalten hinten tut sich nichts. Verdammter Hochdruckreiniger! Mit Kurbelfrequenz 110 bei 18 km/h fahre ich nicht, nicht mal diese 40 Kilometer.

Wieder heim und Caramba überall hin. Nichts bewegt sich. Gerade, als ich M. schreibe, und der schon Noteinsatz anbietet, bewegt sich doch was. Puh.

Inzwischen hat sich die Sonne hinter die Wolken verzogen, es weht ein scharfer Wind. Die Temperaturanzeige sinkt und sinkt. Bei 0,3 Grad klicke ich sie weg. Niemand will das sehen. Als ich doch nochmal schaue, sind es -1,7.

Ich bleibe nah an der Stadt. Die Bäume, die Büsche, jeder einzelne Halm ist von feinem Raureif überzogen. Irgendwie ist mir nicht mehr so kalt. Aber eine Reifenpanne auf dem platten Land brauche ich heute wirklich nicht. Die Beine finden alles gut, also fahre ich hier noch eine Straße hoch und dort noch ein Schleifchen um den Block und stehle mir in den Vororten die Kilometer zusammen.

Daheim keine Wanne, Wanne jetzt nur noch ab 75 Kilometer.

425 km. Morgen letzter Tag!

Montag

Wieder nasse Straßen. Dafür 3 Grad plus. Verglichen mit gestern geht das direkt als warm durch.

Noch eine reizarme Standardrunde, aber heute ist es wurscht, heute ist die 500 vollmachen der Reiz. Fast erledigt, was vor einer Woche noch so weit und schwierig schien.

Schnell bin ich immer noch nicht, aber es fühlt sich flüssiger an als die ersten Tage. Suche hauptsächlich nach meinem letzten Foto-Motiv. Wollte doch noch eins mit einem Dorfweihnachtsbaum. Irgendwo war einer mit roten und goldenen Kugeln. Vielleicht in Wegendorf, das meine Route links liegen lässt? Könnte sein, die haben schließlich auch einen Dorfbackofen und ein Dorfschaf. Fahre ich tatsächlich noch hin? Ja.

Sind inzwischen sogar mehrere Dorfschafe in dem Gehege an der Straße. Der Baum ist aber nicht so geschmückt, wie es mir vorschwebt. Na gut. Letztes Mal umdrehen, und jetzt wirklich nur noch gegen den Wind nach Hause.

Das große seelische Völle-Gefühl wie nach einer großen Tour ist es nicht. Ich bin einfach so froh, dass ich mir das gegönnt habe. Radfahren ist toll. Vor allem, wenn man’s macht.

In Mehrow steht dann noch der Weihnachtsbaum, den ich im Sinn hatte. Mache Fotos von allen Seiten, Rad davor, daneben und dahinter. Noch 11, dann habe ich die 500 voll. Nicht gerade ein Comeback. Vielleicht einfach ein sehr guter Jahresabschluss.

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Danke fürs Lesen und Dabeisein an Euch, die Ihr immer noch hier seid! Habt einen tollen Start ins neue Jahr, Gesundheit, Freude und Kilometer. Und alles, was Ihr Euch sonst noch wünscht.