Eigentlich ist M. schuld. M. hatte seit dem letzten Sommer jedes Mal, wenn er schneller fuhr als ich, oder ich schneller fuhr als er, oder wir überhaupt zusammen fuhren, oder nicht zusammen fuhren, oder gar nicht fuhren, darauf referiert, dass ich als erste Frau eine Ziellinie bei einer Ultracycling-Challenge überquert hatte. Gewinnerin von LPL!
Erst ruhte ich mich darauf aus, dann ist Berlin winterlich vereist, dann werde ich lange krank. Im März finde ich es zu kalt zum Radfahren. Und auf einmal ist April. Ich glaube, so schlimm war es noch nie.
Aber das 400 Kilometer-Brevet der Berliner Randonneure führt nach Rom, die beste Stadt der Welt, wenn auch diesmal nur in Mecklenburg-Vorpommern. Das lässt mich nicht los.
Donnerstag frage ich Sascha, ob ich noch mit kann (Wildcard als FLINTA*-Brevet-Organisatorin), Freitag noch schnell die Route studieren und welcher Supermarkt realistisch ist.
Ich weiß gar nicht mehr, wie das geht, 400 km zu radeln. Nur dass es danach so ein gutes Gefühl ist.
Es muss also ums Durchhalten gehen. 20 Stunden, denke ich, damit wäre ich für dieses Mal zufrieden. Beim stündlichen Check der eBrevet-App levele ich mich hoch auf eine frühe Startzeit. Möglichst viel vom Tageslicht mitnehmen. Nachts soll es kalt werden.
Das Aufstehen um 5:30 ist sehr lala. Brote schmieren, Bananenbrot würfeln. Was um alles in der Welt isst man auf diesen vielen Kilometern? Ich habe alles vergessen.
Ich komme spät aus dem Haus, am Amstel House nur kurz rein, lassen Sie mich durch, ich bin Bloggerin! Das weiß aber niemand, naja, ich fahre hier nichts mehr, ich schreibe nichts, was will ich also.
7:09 Uhr bin ich auf dem Rad, gerade so vor der 7:10-Gruppe. Die kommen gar nicht sofort, es dauert wohl, bis alle ihre Fotos in der App haben.
Wenn du früh startest und nicht gerade schnell bist, holen sie dich in Wellen ein. Erst kommen die Performance-Typen. Die könnten auch bei MAAP direkt aus der Umkleide kommen, Socken hoch, keine Falte in der Kleidung. Die sehen so ständig sprintbereit aus.
Von der Sonne ist nichts zu sehen. Mir ist kalt. Die Strecke raus nach Kremmen bin ich kürzlich für das FLINTA*-Brevet abgefahren und stand schon an jeder Ampel. 400 km, also warum nochmal? Nehme mir vor, mich wenigstens bis Perleberg durchzuschlagen. Von da aus geht ein Zug. Vielleicht geht der auch schon ab Neuruppin.
Ein weiterer Performance-Trupp überholt. Zehn Meter weiter biegen sie zum Pullern ab in die Wiese, einer purzelt dabei vom Rad. Direkt wieder Comedy hier.
Die nächsten stehen an einer Ecke, irgendein Defekt. Ich suche nach einem Rhythmus, krame im Kopf nach den Strategien, die ich mal hatte. Die ersten Kontrollen folgen dicht aufeinander. Wenn man 400 vor sich hat, denkt man ja gleich in anderen Dimensionen.
Hey Eva! Martin vom Roter Stern Berlin kommt angerauscht. Martin ist fahrerisch zwar Performance-Klasse, aber ich glaube, er käme nicht im Leben auf die Idee, das raushängen zu lassen.
Ich winke ihn weiter, er sagt, wir sehen uns an der Kontrolle. Als ob. Aber ich mag das am liebsten: die Schnellen, die trotzdem so tun, als gäbe es da keinen großen Unterschied zwischen uns.
Überhaupt ist der Tag inzwischen besser. Ich bin auf der ehemaligen Eisenbahntrasse hinter Rheinsberg, wo man unter dem grünen Baumdach entlangfährt. Die Temperatur ist auf über zehn Grad gestiegen, die bösen ersten Hundert fast rum.
Als nächstes: Auftritt der ernsthaften Randonneure. Brevetfahren mit Stil, extra aufgebaute Räder aus Titan, maximal Stahl. Wisch-Schutzbleche, winzige Rückspiegel am Lenker, und diese riesigen Kastentaschen, an die ich immer neidvoll denke, wenn ich meinen Schlafsack mühsam in die Lenkerrolle stopfe.
Einer auf einem Surly-Rahmen schert aus, um, wie er erklärt, hallo zu sagen und sich für meinen Blog zu bedanken. Ist zur Kenntnis genommen. Vielleicht doch nicht alles umsonst. Danke, Herr Surly!
Die kleinen Wellen durch den Wald sind plötzlich anstrengend. Mit dem angeblichen Rückenwind sollte ich hier eigentlich entlang rauschen, aber vielleicht rausche ich mit diesem Jahreskilometerstand generell nicht.
Irgendwo liegt eine schwarze Bidon auf dem Boden. Kurze Zeit später kommt mir einer der Performance-Typen entgegen. Ob ich seine Flasche gesehen habe, ruft er aufgeregt. Ja, die liegt da hinten.
Das Bananenbrot schmeckt nach den ersten fünfzehn Würfeln langsam öde. Warum nur habe ich meine Snacks nicht gemischt? Die leckeren Brötchen sind alle hinten in der Tasche.
Der Mann mit der Flasche holt mich ein und bedankt sich überschwänglich. Normalerweise fahre er weiter vorn mit, lässt er mich wissen. Aber er hatte schon zwei Platten (yep, ich bin an dir vorbeigefahren), und das, nachdem er im letzten Jahr 15.000 Kilometer ohne einen einzigen Defekt gefahren sei. Und ob ich solche Strecken hier gewohnt sei?
LPL Gewinnerin!, ruft M. in meinem Kopf. Sag nein!, rufen meine Freundinnen, während sie schon mal das Popcorn aufreißen. Aber für beides habe ich heute keine Geduld.
Lass dich von mir nicht aufhalten, sage ich stattdessen. Ein sehr bewährter Satz.
Die nächsten beiden Menschen überholen mich, und am liebsten möchte ich ihnen zurufen, danke! Danke, dass Ihr mich mit Euren Heldentaten verschont!
Am Netto in Röbel kommt die Sonne raus. Drinnen treffe ich auf Sascha, und ich sehe Nina wieder, die ich vom letzten Jahr kenne. Plötzlich ist es bollerwarm. Für ungefähr fünfzehn Minuten. Gut, dass ich nicht gleich alles ausgezogen habe.
Die nächsten markanten Wegpunkte liegen nah beieinander. Ich mache mein Foto an der Kontrolle am Karower Meiler, ich mache eins von einem winzigen Campingplatz, der nach Frankreich aussieht, eins vor dem Ortsschild Lübz (erst mal ein Pils, schreibt M.), und dann eines vor Rom. Ach, Rom.
Am Netto in Parchim sind die 200 Kilometer voll. Noch 44 bis zum letzten Rückreise-Bahnhof. Oder doch ganz runterzählen? Der Garmin teilt brav alle fünf Kilometer den Stand mit. Das jetzt einfach noch 40 Mal.
Ich hangle mich von Ortschaft zu Ortschaft. Die Landschaft wellt sich, das gibt ein paar schöne Ausblicke. Der Wind auf dem Rückweg ist nicht so schlimm wie befürchtet. Den Imbiss in Perleberg, den ich mir ausgesucht hatte, lasse ich links liegen. Es ist einfach zu verlockend, das Tageslicht zu nutzen.
Die Abfahrt vom Ruhner Berg finde ich fast die schönste Stelle auf der ganzen Strecke. Der gepflasterte Radweg ist gesäumt von rotblühenden Kastanien, Eichen und anderen Laubbäumen. Es geht lange sanft bergab.
Die schnurgerade Straße Richtung Bad Wilsnack ist so einsam, als sei ich allein auf der Welt. Bis ein Motorradfahrer mit 8.000 Dezibel an mir vorbeidonnert. Der Flaschenmann taucht auch wieder auf, teilt mir den neuen Defektstand mit und was er wo gegessen hat.
An der Kontrolle in Bad Wilsnack bin ich zwölf Minuten, bevor der Netto schließt. Ha! Das Backwaren-Regal ist gähnend leer. Ich pflücke eine Packung Haribo und zwei Bananen und ziehe die erste Schicht an.
In den Elbauen ist friedliche Abendstimmung. Hier war ich vor schon vor acht Tagen, auf dem Weg von Hamburg. Fast schon Kiez. Lange sehe ich die roten Rücklichter von anderen Rädern in der Ferne.
Ab Havelberg spare ich mir die Radwege, es ist dunkel und kaum noch ein Auto auf der Straße. Am Straßenrand tummeln sich die Rehe. Irgendwo liegt ein Randonneur im Feld, die reflektierenden Elemente auf Rad und Mensch zeichnen seine Umrisse ins Dunkle. Ich denke, immerhin hatte ich heute keinen echten Tiefpunkt. Noch.
In Stölln ziehe ich gerade meine Jacke an, da hält ein Auto neben mir. Entschuldigen Sie, dürfen wir Sie etwas fragen? Ob hier heute ein Radrennen stattfände, es seien so viele Leute durchgekommen.
Diese Jungs sind so ein krasser Kontrast zu denen, die mit ihren Mopeds auf der Bundesstraße hinter Friesack Wheelies üben. Sie schalten den Motor aus und nehmen es höflich zur Kenntnis, als ich etwas von 400 Kilometer fasele. Ich frage mich, ob die denken, die alte Frau lügt doch.
Vorletzter Stopp, die TOTAL-Tankstelle in Friesack. Eigentlich wäre ein Tee noch gut. Aber ein paar Tage vorher habe ich im Radio einen Bericht über die Machenschaften der Ölkonzerne gehört. Da kaufe ich nichts. Und natürlich denke ich auch, noch 25 bis Nauen und dann 40 nach Hause, das ist eigentlich nichts mehr.
Es ist eisig kalt geworden. Ich bin froh über mein gefüttertes Trikot und die Handschuhe. Biege ein auf nervige Betonplatten. Es gab auf früheren Brevets mal einen ganz üblen Abschnitt in der Gegend, der ist doch bitte jetzt nicht hier am Ende noch eingebaut? Aber ich glaube, das war weiter östlich.
Ein lustiger Vogel singt in der Nacht. Wenigstens ein bisschen klingt es nach Frühling.
Der Radweg entlang der B5 sah auf der Karte mal wieder typisch aus, wie er sich um alle Hindernisse herumschlängelt, wo die Autos jedes Mal einfach geradeaus fahren dürfen. Nachts um eins bin ich einfach froh, dass er breit und glatt asphaltiert ist.
Ich schleiche nur noch dahin. Meine rechte Schulter schmerzt. Als mir ein Riegel aus der Tasche fliegt, halte ich dankbar an. Danach geht die Geschwindigkeit wieder etwas hoch, aber ich habe einfach keine Lust mehr zu essen. Ich vereinbare mit mir selbst Quoten darüber, wie viele Kilometer ich künftig vor welchen Brevetdistanzen sammeln werde. Wie gut, dass das hier kein einziger mehr ist als die 400.
Durch Spandau ist es angenehm verkehrsfrei, so mitten der Nacht. An der Freiheit riecht es großstadtgemäß nach Müll. Aus einem Werk quietscht es so erbärmlich, dass ich nicht weiß, rangieren hier schlecht geölte Züge oder werden kleine Tiere geschlachtet. Der Garmin zählt die Runden hoch. 36, 37, 38.
Und dann bin ich auf der Kaiserin-Augusta-Allee, und auf der Turmstraße, und wieder am Amstel House. Drinnen sitzen zwei Typen auf dem Sofa und starren raus, und ich starre rein, und dann winke ich denen überschwänglich, obwohl ich keine Ahnung habe, ob es Brevetfahrer sind, oder Touristen. Dieses Gefühl nach 400 Kilometern! Wusste ich doch.
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Lieben Dank an den ARA BB für die schöne Strecke und die Gelegenheit, und nochmal an Sascha für das Zielbier!









15/05/2026 at 21:58
Schöner Bericht. LG Bert
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