Wir waren noch nicht mal in Nauen, als mir klar wurde, das wird nicht funktionieren.
Nach Spandau raus hatten wir die Räder bereits über einen umgekippten Bauzaun geschleift (keine Beschilderung, dass man hier nicht durch käme), und einen Umweg genommen, weil mir im letzten Moment einfiel, dass die Poller an der Brückenauffahrt womöglich zu eng beieinander standen. Allein die Stadt zu verlassen dauert ewig. Bei Kilometer 25 stehen wir im Wald und essen die ersten Brote.
Ich weiß auch nicht, was wir uns gedacht hatten. Das Lastenrad hatte Insa in Berlin mit einem Bekannten aufgebaut, und irgendwie musste es ja nach Hamburg. In den Zug passte es vermutlich nicht (und überhaupt fuhren die Züge gerade ziemliche Umwege).
Vor ein paar Jahren hatte ich online beobachtet, wie Carolin Lorenz (als caro.cargo auf Insta) mit ihrem Partner auf einem Cargobike die Orbit “Ride For A Reason” Challenge absolvierte, abwechselnd radelnd und auf der Transportfläche sitzend. Fand ich sehr beeindruckend. Aber mit einem weiteren Rad zum Tauschen ist es vermutlich komfortabler. Und passenderweise bringt Insa das für das FLINTA*-Brevet sowieso mit nach Berlin.
Insa und ich: Vor ein paar Jahren sind wir mal drei Tage lang kreuz und quer durch den Taunus gefahren, auf einer Teilstrecke des berühmten Taunus Bikepacking. Nach einer Panne blieben wir aneinander kleben, radelten Vorderrad an Vorderrad und teilten uns Overnighter-Plätze und Hotelzimmer, während um uns herum Menschen kamen und gingen. Am letzten Abend saßen wir gemeinsam am Bahnsteig, bis die erste in ihren Zug steigen musste. Diese gewisse Vertrautheit, die entsteht, wenn man sich auf dem Rad das Bett teilt und vom sonstigen Leben erstmal gar nichts weiß.
Hätte ich zumindest einmal ausprobiert, wie ich auf ihrem Rennrad sitze, als einen Monat zuvor unser Flèche ausfiel und dieser Plan entstand. Ob es genutzt hätte? In den ersten Minuten fühlt sich noch alles gut an.
Inzwischen schmerzen meine Hände, und auf dem schnellen Sattel wird mein Hintern allmählich taub. Der vom Lastenrad sieht auch nicht gerade vertrauenerweckend aus.
Mit einem Schnitt von 16 km/h könne man rechnen, hatte Insa gesagt. 20 Stunden reine Fahrzeit, das klang gar nicht so viel. Jetzt frage ich mich, wie wir dieses Tempo, dieses Nichtvorankommen, überleben sollen. Der Wind weht uns natürlich aus Westen entgegen. Umkehren und einen der Sattel tauschen? Dafür sind wir schon zu weit gekommen.
Insa beschließt, dass es in Nauen Kaffee geben muss, und zwar besseren als von der Aral. Zusätzliche Kilometer, um in den Ort abzubiegen, an einer Ecke zu stehen und auf Google Maps herumzusuchen. Etwas weiter an der Strecke haben wir Glück. Koffein, Eis und Apfelschorle auf der Terrasse. Einmal Reset bitte.
Wir nehmen uns vor, in ganz kleinen Dosen zu denken. Sowas wie Nauen (50 Kilometer) ist ein Meilenstein. Rhinow ist der nächste, dann haben wir fast Hundert, und in Havelberg gibt es eine Pizzeria mit einer 4,9-Bewertung. Dazwischen reihen wir voller Achtung die Dörfer auf, wie sonst maximal die Passnamen.
Danach tauschen wir die Räder, und ich bin wieder Anfängerin. Meine Lastenraderfahrung beschränkt sich auf eine Fuhre zum Sperrmüll auf einem geliehenen Rad, und das auch nur, weil der BSR an dem Tag bei mir um die Ecke stand. Als ich Abbiegen anzeigen will, schlackert der Lenker bedrohlich. Und wie komme ich überhaupt um die Kurve? Gut, dass es erst mal geradeaus geht.
Was aber irgendwie Spaß macht, ist das aufrechte Sitzen. Ich throne über der Ladefläche, Insa als Windschutz vor mir, und grüße huldvoll die Entgegenkommenden. Lustigerweise grüßen uns heute auch alle zurück. Vielleicht liegt es an dem Mix aus Rennrad, Sportklamotten und Aufliegern, die Insa extra für die lange Strecke montiert hat.
Kurz vor Stölln fängt es plötzlich an zu schütten. Wir flüchten in einen überdachten Hauseingang. Erstmal Brote auspacken. Und Zimtschnecken. Vielleicht liegt das mit dem Hunger daran, dass wir so viel mehr Gewicht den Weg entlang wuchten, oder dass wir gestern schon ein Brevet gefahren sind. Das Tempo kann’s ja nicht sein.
Hausbewohner schlängeln sich durch den Wall aus Rädern, den wir vor ihrer Haustür gebaut haben, nicht alle finden das lustig. Nach einer halben Stunde sind nur noch die Straßen nass. Ich werde hinterher kein Rad putzen müssen, fällt mir ein. Radfahren ohne eigenes Equipment ist irgendwie seltsam. Aus Versehen habe ich den Brustgurt an, obwohl der Radcomputer gar nicht dabei ist. Der Griff in die Oberrohrtasche bleibt in der Luft hängen. Zur Flasche runter traue ich mich auch noch nicht, aber Insa reicht mir ihr Wasser.
Wir dümpeln hintereinander die Landstraße entlang. Der Tag hat etwas Hypnotisches. Ich habe kein Gefühl dafür, wie spät es ist. Ich versuche, mich an die Anfänge auf dem Gravelrad zu erinnern. Da war das so ähnlich mit dem Langsamsein.
In der Trattoria Mezza Luna in Havelberg sind wir irgendwie fehl am Platz. Die anderen aber auch. Die Pizza ist gut, und auf der Toilette kann man sich schon mal die toten Insekten abwaschen. 120 Kilometer und schon Abend. Zum Nachtisch gibt es doppelten Espresso.
Danach wird es richtig schön. Im späten Licht biegen wir auf den Elbradweg ein, passieren die wenigen überdachten Bänke noch im Hellen. Wir reden über alles, wofür wir sonst keine Zeit haben. Und wenn die Fuhre erst einmal in Schwung ist, geht es auch irgendwie. Nur der Sattel ist die Pest.
40 Kilometer bis Wittenberge, der nächste Meilenstein. An der Tankstelle Vorräte für die Nacht, dann Fritten bei McDonalds. Ich glaube nicht, dass ich auf dem Rad je so viel gegessen habe.
Fast dunkel ist es, als wir wieder aufbrechen, die Straßen still und einsam. 20 Kilometer bis Lenzen, dort hat Insa eine Sparkasse auf dem Zettel. Wir fühlen uns eher wie nach einem 300-Kilometer-Tag. Aber morgen haben wir dann nicht mal mehr die Hälfte. Klingt gut.
In Ortsschildnähe putzen wir uns die Zähne auf dem Feld. Der Mond steht gelb verschwommen hinter den Wolken.
Im Ort selbst ist die Sparkasse zu. Und jetzt? Wir suchen den Eingang zum Sportplatz, sichten ein paar Bänke an einer Gaststätte. Ich habe so gar keine Lust, mich draußen hinzulegen. Mir ist kalt, wahrscheinlich gibt es Tau, und wer weiß, wann die Ersten mit den Hunden kommen.
Bei der Tankstelle soll noch ein Geldautomat sein.
Der steht in einem winzigen, verglasten Verschlag, von außen komplett einsehbar. Wenn wir uns nicht bewegen, bleibt wenigstens die automatische Tür zu. Immerhin ist es im Dorf wie ausgestorben. Irgendwann krame ich doch den Schlafsack heraus, rutsche halb unter die Räder, um bloß diese hektische Tür zu meiden.
Um 4:30 plötzlich Stimmen hinter dem Rollladen, der ins Geschäftsinnere führt. Der wird doch nicht gleich hoch gehen? Hektisch packe ich zusammen. Draußen ist es schon hell. 20 Kilometer bis Dömitz, dort gibt es Frühstück.
Es ist so ein Morgen, wo du denkst, warum mache ich jemals etwas anderes als Radfahren.
Richtig Ruhe haben wir aber nicht auf unserer goldenen Landstraße. Wohin sind die Leute schon unterwegs? Soll der Kanzler mal vorbeikommen und staunen, wie wenig faul die hier sind!
In Dömitz lösen wir das Rätsel. An der Tankstelle kommen und gehen die Handwerker und generieren Umsatz mit den Wurstbrötchen.
Richtig scharf aufs Weiterfahren bin ich nicht. Bis Boizenburg (zweites Frühstück, sagt Insa) sind es fast 50 Kilometer. Wieder lesen wir uns die ganzen Ortsnamen dazwischen vor. Ich merke mir Raffatz, dort sind wir ratzfatz, und Viehle, dann haben wir viele Kilometer. Und Bitter, kein Kommentar.
Wir gondeln wieder auf dem Elbradweg dahin, zeigen auf Hasen und Vögel und Rehe. Ich bin in diesem Zustand, wo das gegenüber zur Verlängerung der eigenen Gedanken wird. Wo man sagt, was einem durch den Kopf geht, und wo das auch nicht mehr so wirklich geistreich ist. Was aber egal ist, in diesem Zustand.
Das Sitzen ist nicht mehr so schlimm. Wahrscheinlich hat mein Hintern einfach kapituliert. Oder die vielen Pausen helfen. Einmal traue ich mich sogar auf den Aufsatz. Sofort muss ich schalten, will ich nicht ins Leere treten. Macht das doch einen Unterschied.
Alle fünfzehn Kilometer halten wir an. Ich kann immer noch nicht im Fahren essen. Einmal denke ich, ich falle gleich vom Rad. Muss mich flach auf eine Bank legen und zum High-End-Riegel greifen. Dieses langsame Fahren laugt einfach genauso aus wie sonst. Oder noch mehr. Ich denke inzwischen in Fünf-Kilometer-Abschnitten. Die sechzehn bis nach Boizenburg sind überwältigend.
Unser anvisiertes Cafe hat geschlossen. Stattdessen zum AbraKadabra. Das ist so ein bisschen, wie es heißt: „gereinigtes Wasser“ für 1 Euro 50, Duftessenzen auf dem Klo. Die Wirtin schimpft mit der Katze, die auf der Straße vor dem Gulli sitzt und, wie sie uns wissen lässt, die Ratten jagt, die sich dort unten überall herumtreiben. Auf diese Info zum Frühstück hätten wir gern verzichtet. Kaffee und Käse-Brote tun dennoch unendlich gut.


Nur noch 65 Kilometer! Das haben wir fast in der Tasche. Denken wir.
Dass noch ein paar Hügel kommen, wussten wir. Dass wir die restliche Zeit auf irgendwelchen schäbigen Radwegen an Bundesstraßen entlang fahren, auf denen der Verkehr dröhnt, nicht. Eine Zumutung nach der stundenlangen Stille.
Wir schummeln uns irgendwie durch Lauenburg und bis Geesthacht. Am Edeka (Twister, Limo) halten wir Kriegsrat. Doch zurück auf den Elbradweg? Aber der holt hier weiter aus, und noch mehr Kilometer brauchen wir wirklich nicht.
In Bergedorf wird es ganz blöd, als wir lange auf den linksseitigen Rad-Fußweg verbannt sind. Dann werden wir noch von einem Bauarbeiter beschimpft, als wir – sorry! – versuchen, uns über seine Baustelle zu mogeln.
Entlang einer Bahnlinie wird es auf den letzten Metern endlich wieder ruhig.
An einer Brückenauffahrt bleibe ich in einer engen Kurve doch noch hängen, kriege das schwere Rad nicht um die Ecke bugsiert und kippe in Zeitlupe zur Seite. Sofort springt ein Mann herbei, um mich zu befreien. Die Energie ist einfach völlig runter.
Ab dem Caglar-Bäcker, wo die Hamburger Brevets starten, kenne ich den Weg und finde es trotzdem noch unendlich weit. Eigentlich müssten wir oben auf dem Deich fahren, sagt Insa, wegen der Aussicht. Nee, lass mal.
Und dann sind wir in ihrer Straße, sind tatsächlich da. Fotos, Glückwunsch, yes! Es ist vollbracht.
Aber als wir das Lastenrad im Hinterhof verstauen, blitzt es in meinem Kopf auf. Wenn Insa es nun doch nicht behalten will? Dann fahre ich es wieder zurück! Nicht heute und nicht morgen … aber wer weiß, irgendwann.












15/07/2026 at 21:30
Awwww, wenn man jeden Ort und jede Stelle wiedererkennt liest sich das alles fast wie selbst in Echtzeit durchgeradelt. (Außer ab Lauenburg, da mag ich bis Geesthacht tatsächlich nochmal die Elbseite wechseln und dann die alte Bahndammstrecke bis in die Stadt nehmen.)
Wenn ich groß bin hätte ich auch gerne so ein buntes Lastenrad. 🙂
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15/07/2026 at 21:39
Ja, das hätte man mal wissen müssen, da ab Lauenburg … naja, jetzt ist’s gelernt! Danke fürs Vorbeischauen 🙂
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