Weltstadt Erkner lädt zum Brevet. Erkner, auf meiner inneren Radfahrlandkarte bekannt für zwei einschlägige Attraktionen. Der Windbrecher kommt hierher, und es gibt da angeblich noch Holly mit dem himmlischen Kuchen. Mit dem Windbrecher bin ich im letzten Herbst 400 km gefahren. Bei Holly war ich noch nie. Prioritäten, my dear.

Das 200er Brevet vor zwei Wochen verging wie in Trance. Für einen Tag herausgerissen aus der Fortbildung, im Halbschlaf zum Amstel House, drei Worte gewechselt und den ganzen Tag der Dunst über den Feldern. Für Erkner habe ich mir mehr vorgenommen. Ein Bericht, bitte sehr. Abfahrt 5:58 RE 1 am Alex.

Am Bahnhof steht schon Ingo wie der Fels in der Brandung des Anmeldungsgewusels im PBP-Jahr. Peter W. prüft mal wieder per Blick meine Schenkel, ich stelle mir ein wenig schmeichelhaftes Urteil vor. Auf dem Parkplatz vor dem Aldi schälen sich vertraute Gestalten aus der Menge: Klaus, Bert, Sascha Lindner, und Fritz, den ich beim 200er wegen meines schlechten Gesichtergedächtnisses gleich zweimal kennenlernen durfte (seitdem: immer lächeln, zurückgrüßen und so dreinblicken, als wüsstest du Bescheid).

Und eben Michael. Neben den windbrechenden Qualitäten mag ich den auch für seine soziale Ader. Zum ersten Mal trafen wir uns, als er Harald auf den letzten Kilometern des Candy B. 2017 entgegenrollte. Ein paar Wochen später passte er ihn mitten in der Nacht beim Super Berlin Express ab. Der Mann lebt eine Zuneigung für das Extrem-Radfahren, die angenehm über seine eigenen Aktivitäten hinausreicht. Und so kommt er an diesem Morgen um 6:30 zum Start gerollt, auch wenn er gar nicht mitfahren wird, und es ist schön, ihn zu sehen.

IMG_6016_800

Die Stimmung ist nämlich reichlich verzagt. Dieses Jahr bin ich die Radlerin, die nix trainiert hat und bis gestern krank war. Es ist sogar wahr! Meine linke Achillessehne hat auf die leicht übertriebenen Festive 1.000 ungehalten reagiert. Erst Ende Februar traute ich mich überhaupt mal 100 Kilometer am Stück. Ab einem gewissen Verschleiß empfiehlt sich eben Ausgleichssport statt Hauruck-Aktionen. Aber wem sag ich das.

Jedenfalls drehen die Leute um mich herum total durch, fahren Tausende von Kilometern in den ersten Monaten des Jahres, ich habe das Gefühl, hinterherzuhinken und Strecke machen zu müssen. Der Coach warnt vor der Gefahr zu überziehen, und wie immer, wenn er das sagt, weiß ich, eigentlich fehlt mir gerade der Spaß. Den will ich also hier und heute finden.

Seltsamerweise fluppt es von Anfang an. Das Schöne an Erkner ist auch, wir sind gleich draußen auf dem Land, kleine Fahrradstraßen durch Feld und Wald, keine Ampeln, kaum Autos, Sonnenschein, ein verzauberter Morgen. Im Pulk trudeln wir dahin, es ist ja fast zu langsam, mein Puls kommt gar erst nicht hoch.

Ole Trumann ist neben mir, kürzlich bin ich die letzten Meter mit ihm gefahren und habe über seine Transcimbrica gelesen. Ole hat sich in die Planung einer Tour reingeschmuggelt hat, die der Windbrecher, David und zusammen vorhaben. Er kommt mir gerade recht, um herauszufinden, ob ich ihn dabei haben will. Obwohl das schon so gut wie beschlossen ist, denn irgendwas in meinem Kopf ruft bei der Vorstellung immerzu Truman Show! Truman Show! und freut sich selbst schon diebisch auf den Bericht.

Zusammen fahren wir vorn, hurtig geht es durch den Morgen, irgendwann zerfährt sich auch das Feld, ich halte mich ran, Puls von 107 auf 170. Aufwachen!

Praktisch, wenn man an der Kontrolle grad vorne fährt, wer zuerst da ist, bekommt zuerst einen Stempel. Ich nehme einen Happen von irgendwas, nichts verbraucht, was soll schon sein? Windjacke weg und weiter!

IMG_6034_800

Wellig geht es auf kleinen Fahrradstraßen durch den Wald, lauschig und schön. Es läuft doch, das muss der Erkner-Effekt sein, kein Wunder, dass Michael weiß, wie man im Wind fährt. Ich fühle mich so gut, als könnte mich nichts mehr je schrecken.

Vorne trete ich rein, Ehrensache. Ingo ist in der Gruppe, von Ingo weiß ich seit unserer gemeinsamen Fahrt vom Darß nach Hause, dass er aus zwei Kilometer Entfernung sieht, wann du deine Kette zum letzten Mal geölt hast, ob du gerade übertrieben anaerob unterwegs bist und wieivel du in der letzten Woche geschlafen hast. Wenn Ingo dabei ist, muss ich trotzdem so fahren, als hätte ich noch nie was kapiert auf dem Rad.

Es läuft also genauso, wie schlaue Menschen wie Ingo oder der Coach oder Dietmar es immer nicht empfehlen.

Bis Kilometer 80, da kommt die Quittung. Von einer auf die andere Minute wird es plötzlich so anstrengend, dass ich anfange, jeden einzelnen Kilometer bis zur nächsten Kontrolle zu zählen. Dass ich noch keinen Schluck getrunken habe, fällt mir ein. Du Depp auch! Stundenlang auf den Bremsen fahren, meine Hände sind auch taub, ich hasse das.

Aber bis Neuzelle muss es noch gehen. Bin so erleichtert, das Ortsschild zu sehen. Lidl oder Netto, die Schlange ist zu lang, ich habe ja die Flaschen auch fast noch voll. Esse pflichtschuldigst eines meiner Brötchen. Will gleich weiter, Ole mit seiner Gefolgschaft auch, doch wieder in Gesellschaft. 68 km bis zur nächsten Kontrolle.

Oles Vater ist dabei, und zu meiner Verwunderung erfahre ich, dass hier der Papa durch den Sohn zum Radfahren gekommen ist. Voller Vaterstolz erzählt er mir alles, was Ole bisher gefahren ist und noch zu fahren vorhat, was der mir auch selbst schon erzählt hat. Nun, wer bin ich schon, dass ich mich über Vaterstolz lustig machen könnte. Trotzdem frage ich mich die nächsten Minuten unangenehm berührt, welche gemeinsamen Menschen der Coach und ich wohl doppelt mit meinen Unternehmungen langweilen. Ich glaube, wir müssen mal reden.

Wenigstens ist es zu viert leidlich gemütlich. Aber bis zum Oderradweg haben wir schon wieder welche eingesammelt, Zweierreihe, und hinter Frankfurt steigt natürlich das Tempo.

Noch 25 km bis Küstrin. Der links vor mir lässt ab und zu rollen. Der Riese direkt vor mir im roten Berlin-Wien-Berlin-Trikot tritt und tritt und tritt. Ein echtes Tretschwein, wie sie bei der Transcimbrica sagen, und der perfekte Windschatten. Können die das nicht bitte einfach durchziehen?!

Erst als wir wechseln, sehe ich, es ist Sascha. Kein Wunder. Ich erinnere mich, wie er in Barth aus dem Supermarkt trat, eine Staude Bananen in eine seiner zahlreichen Taschen stopfte und leichtfüßig in den Abend davoneilte.

Vorne fahren, ich will nicht mehr. Mein Nebenmann fragt, ob das Tempo okay sei. Ist es nicht, Schmach und Schande. Der Coach sagt immer, lass doch die Kerle machen, ist doch okay, du als Frau. Ich denke immer, ich will nicht das schwächste Glied in der Kette sein. Zugeben, dass das nicht mein Tempo ist. Pöh!

Vom Fluss nichts zu sehen, nur Steppe, wenigstens zischen die Kilometer dahin. Ich fahre einfach immer nur dem roten Trikot hinterher.

Und endlich Küstrin! Radonneure platzieren sich auf dem kargen, schmutzigen Asphalt rund um die Tankstelle, als wär’s der Strand von Rimini. M. würde sich schütteln. Sascha, Ole und ich kaufen Safteis. Flaschen nachfüllen, Geräte an die Powerbank.

IMG_6055_700

Auf der Toilette tröpfle ich mir das Zeug gegen die Pollen in die Augen und frage mich, wie es wäre, wenn sie draußen einfach schon fort wären.

Sie warten dann und fragen, immerhin. Aber ja, danke, ich brauche noch ein paar Minuten.

Allein vor mich hin, es ist nicht weniger mühsam. Ich hadere mit mir herum. Tempo nicht gekonnt! Aber hey, ich wollte heute doch Freude haben am unterwegs sein.

Und ganz allmählich finde ich sie auch. Den Blick nicht mehr stur auf Hinterräder gerichtet. Die Gedanken lösen sich von einem vermeintlichen Tagesziel. Nackte Arme und Beine, zum ersten Mal in diesem Jahr, nachdem der Winter nie zu vergehen schien. Wiesen und Felder und kleine Seen, die im Sonnenlicht glitzern. Die unlesbaren Ortsnamen. Mieszkowice, kein Mensch kann hier mies drauf sein! Zurück in meinem eigenen Rhythmus, und es ist doch gut zu wissen, dass ich das kann.

Die Kilometer ziehen dahin, ich mache mein Ding. Nächste Kontrolle, Wasser, Eis und weiter. Ich saufe wie ein Pferd, es ist fast heiß geworden.

Kurz bevor die Strecke Polen wieder verlässt, eine sanfte Abfahrt, wunderbarer Fernblick. Der Wind jetzt voll im Rücken, ach so schön. Sascha überholt mich, ist ab der Oder mein lebender Wegweiser im Nachmittagslicht, ein roter Punkt, der langsam in der Ferne entschwindet. Bei Bad Freienwalde sehe ich ihn gerade noch zum Norma abbiegen, hervorragender Navigator, danke schön.

Kaufe mir ein riesiges Camembert-Baguette, esse in dieser wenig anheimelnden Sitzecke zwischen Einkaufswagen und Aschenbecher, alles egal. Rüber nach Falkenberg und den Hügel hoch, die Strecke dreht noch einmal unangenehm in den Wind, aber ich weiß, es geht vorüber. Ab Freudenberg kenne ich jeden Meter. Da reist man extra nach Erkner für ein Brevet, und das lotst dich voll durch deinen Vorgarten.

IMG_6100_800

Die 300 sind fast getan, als ich die Jacke wieder anziehe, es ist frisch geworden, die Sonne schon orange und tief am Horizont. Allein biege ich nach Neuenhagen ein, ganz versöhnt mit mir und dem Jaegher, die Beine können noch, und immerhin die Erfahrung, mich auf den ersten 100 leer zu fahren, das hab ich auch noch selten geschafft. Dazu lernen, immer wieder.

Einer kommt mir schon entgegen, sicher ein Randonneur auf dem Nachhauseweg, aber es ist noch einmal Michael. Der eskortiert mich bis ins Ziel, dem Antalya Grill mit den fettigen Fritten, ganz entzückt, dass ich da bin, „jetzt schon!“, und irgendwie tut das gut nach diesem Tag, die Anerkennung. Für die Leistung, das ist ja das eine, aber irgendwie auch einfach als Mensch. Das, denke ich, wünschen wir uns hin und wieder alle mal.

319 km und ich gebe mein gelbes Heftchen ab. Beim 400er wird alles anders.

In der Nacht dann träume ich von Holly. See you next time!

***

Danke an Rainer, Ingo und die Randonneure für eine schöne Strecke und einen schönen Tag! Und Michael, aber das weißt du.

Strecke auf Komoot